Lügen, Depressionen, Wirkungslosigkeit – Die grausame Wahrheit über die Schwulenheilung.

Im vergangenen Dezember hat Malta sogenannte Konversionstherapien, also Behandlungsverfahren, die das Ziel verfolgen, die sexuelle Orientierung oder Identität von der Homosexualität zur Heterosexualität zu verändern, verboten. Aus dem Milieu der „Gender-Kritiker“ und der sogenannten „Ex-Gay-Bewegung“ gibt es an dieser Entscheidung massive Kritik bis hin zum Vorwurf des Totalitarismus gegenüber der maltesischen Regierung. Homosexuelle, so argumentieren die Anhänger der „Ex-Gay-Bewegung“, müssen frei darüber entscheiden dürfen, ob sie ihre Homosexualität annehmen, oder ob sie diese therapieren lassen. Indem man Verbote der umstrittenen Konversions- oder Reparativtherapie unterstütze, zwinge man anderen die eigene Meinung und den eigenen Lebensstil auf. (Auf die letzten beiden Sätze wird diese Arbeit noch zurück kommen.)

Nachdem Malta die kontroversen Behandlungen schon Ende vergangenen Jahres verboten hat, berät seit Jahresbeginn auch das taiwanesische Parlament über einen Gesetzesentwurf des Gesundheitsministers, der Versuche von „Schwulenheilung“ unter Strafe stellen soll. In Deutschland allerdings bleibt Konversionstherapie zunächst legal und in den USA wurde mit Mike Pence gerade ein Politiker zum Vizepräsidenten erhoben, der doch tatsächlich mehr staatliche Mittel in die Konversionstherapie investieren will. Verbote der umstrittenen Praxis bleiben global die Ausnahme.


Vorbemerkung: Die vorliegende Arbeit soll unter kurzer Bezugnahme auf aktuelle Ereignisse die wissenschaftlichen Grundlagen zur Konversionstherapie in aller Kürze zusammenfassen. Weiterführende Quellen sind am Ende des Artikels zu finden.


Verbot in Malta und Situation in Deutschland.

Die Entscheidung, Konversionstherapien zu verbieten, fiel im Parlament der Mittelmeerinsel einstimmig. Schon vor der eigentlichen Abstimmung hatten sämtliche Parlamentsmitglieder ihre Unterstützung für das Gesetz zugesichert. Seit dem Jahreswechsel drohen dort nun jedem eine Geldstrafe von 1000 bis 5000 Euro sowie fünf Monate Gefängnis, der versucht, die sexuelle Identität einer Person auf therapeutische Weise zu verändern. Für ausgebildete Ärzte und Therapeuten sind die Strafen noch deutlich härter: Ihnen drohen 2000 bis 10000 Euro Geldstrafe sowie bis zu ein Jahr Haft. Ausdrücklich ausgenommen sind in dem Gesetz allerdings PsychotherapeutInnen, die „unvoreingenommen“ Menschen beim Umgang mit ihrer sexuellen Identität unterstützen.

Malta gilt gemeinhin als das LGBTI-freundlichste Land Europas, nirgendwo sonst genießen Lesben, Schwule, Trans- und Intersexuelle so viele Rechte wie in dem kleinen Inselstaat.

In Deutschland sähe das wohl anders aus, eine Einstimmigkeit für ein Verbot käme zumindest nicht zustande – wenn eine entsprechende Vorlage es denn je in die Parlamente schaffen sollte -, denn obwohl Menschenrechtsverbände und progressive Kräfte seit langem politisches Handeln in der Thematik fordern, hat die „Ex-Gay-Bewegung“ sowohl bei der Union als auch bei der AfD einflussreiche Unterstützer. Zu den wichtigsten Advokaten der Umpolungsbehandlungen gehören in Deutschland das fundamentalistische „Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft“ (DIJG), das Teil der evangelischen Amtskirche ist, sowie der evangelikal-konservative Verein „Wüstenstrom“ mit Sitz im baden-württembergischen Tamm, der bereits wegen emotional schädigender Therapieansätze bis hin zum psychischen Zwang in die öffentliche Kritik geraten ist. Wobei „Wüstenstrom“ mittlerweile wohl in der „Bewegung“ kaum noch Relevanz hat, der Organisator,  Markus Hoffmann, tritt stattdessen jüngst häufiger mit der „Bruderschaft des Weges“ auf, einer kleinen Gruppe von Personen – offenbar aus dem „Wüstenstrom“-Umfeld, die angeben, ihre Homosexualität nicht auszuleben. Auch „Wüstenstrom“ hat Verbindungen zur evangelischen Amtskirche in Deutschland (EKD).

Zusätzlich erschwert wird in Deutschland eine Anti-Konversionsgesetzgebung, weil es im Grundgesetz – im Gegensatz zur maltesischen Verfassung – keinen expliziten Schutz der sexuellen Orientierung und Identität gibt. LGBTI-Organisationen streiten hierfür zwar seit Jahren, bisher scheiterte jedoch jeder Versuch, die nötige Änderung des dritten Verfassungsartikels in die Wege zu leiten – insbesondere an den Unionsparteien. Das DIJG spricht sich auf seiner Homepage klar gegen einen verfassungsmäßigen Schutz vor Diskriminierung wegen der sexuellen Identität aus. Solche Position – hinterlegt mit religiös-pseudowissenschaftlicher – Scheinevidenz verbreitet das Institut über ein Netzwerk christlich-fundamentalistischer Vereine und Organisationen, die auch politische Lobbyarbeit leisten und beispielsweise Mitorganisatoren der „genderkritischen“ „Demo für alle“ sind, auf der sich auch AfD-Politiker immer wieder gerne sehen lassen. Dabei setzt übrigens das DIJG auch entgegen aller wissenschaftlichen Forschung auch Pädophilie und Homosexualität gleich. Eines der Hauptargumente gegen den Schutz der sexuellen Identität wird damit der Schutz von Kindern vor sexuellen Übergriffen. Tatsächlich ist die Argumentation des Instituts hierzu ziemlich bemerkenswert – um nicht zu sagen unverschämt.

Wissenschaftliche Betrachtung der Wirksamkeit von Konversionstherapie.

Trotz aller religiös-fundamentalistischen Motivation der „Ex-Gay-Initiativen“ – und hinter solchen Initiativen stecken ausnahmslos religiöse Motive – behaupten das DIJG, „Wüstenstrom“ und andere immer wieder, sich auf wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit der sogenannten Konversions- oder Reparativtherapien berufen zu können. Es gilt daher zunächst, diese Studien einmal auszuwerten, um die Evidenz zu beurteilen, auf die sich die selbsternannten Schwulenheiler stützen.

Hierzu stellte Dr. Reinhold Weicker von der „ökumenischen Initiative Homosexualität und Kirche“ (HuK) in einer Arbeit für den Evangelischen Kirchentag Dresden am 03.06.2011 zunächst fest, dass die angebliche Evidenz einerseits in aller Regel sehr allgemein und ungenau zitiert wird, die Initiativen blieben demnach bewusst undeutlich. Andererseits gebe es aber auch Fälle, in denen die Studienergebnisse, auf die sich die „Ex-Gay-Bewegung“ stützt, schlicht falsch oder irreführend wiedergegeben wurden.

So erklärte die Kinderärztin und Leiterin des DIJG, Dr. Christl Ruth Vonholt bei einem Vortrag in Wien im Februar 2008 fälschlicherweise: „Eine größere Zahl wissenschaftlicher Studien belegt, dass eine Abnahme homosexueller Empfindungen und die Entwicklung einer reifen Heterosexualität möglich sind. So führte Robert Spitzer, Columbia Universität New York (2003) eine detaillierte Untersuchung durch. Über 60 Prozent der Männer und über 40 Prozent der Frauen hatten nach entsprechender Therapie dauerhaft zu einem ‚guten heterosexuellen Leben‘ gefunden.” Aus Spitzers Studie lassen sich die angegebenen Zahlen jedoch nicht entnehmen, sie sind schlicht erfunden, zumal ohnehin fraglich ist, ob sich Spitzers Untersuchung überhaupt für Aussagen über die „Heilbarkeit“ von Homosexualität eignet.

Ähnlich wie Dr. Vonholt äußerte sich auch der Geschäftsführer des „Werks für Sexualethik – weißes Kreuz”, einer dritten bedeutenden Institution in der deutschen „Ex-Gay-Bewegung“, der Pfarrer Rolf Trauernicht in einem Text auf der Website seiner Organisation: „Wenn man die Ergebnisse verschiedener Studien zusammenfasst, kann man davon ausgehen, dass ca. 40% der Homosexuellen die Kraft haben, an sich zu arbeiten und Veränderung in Richtung Heterosexualität zu erfahren. Ca. 30% leiden weiter an ihrer Neigung, ohne den sexuellen Kontakt zu leben und ca. 30% bleiben ihrer homosexuellen Neigung und Praxis treu.” Auch bei Trauernicht bleibt völlig unklar, woher seine Prozentangaben stammen – von einer veröffentlichten Studie sind sie nicht gedeckt.

Hinzu komme, so Weicker, dass in den Aussagen über die „Heilungschancen“ regelmäßig wertende Begriffe aus dem religiösen statt aus dem wissenschaftlichen Kontext verwendet werden. So beantwortete „Exodus International“, der amerikanische Dachverband der „Änderungsbefürworter“, die Frage „Was ist die Erfolgsquote, wenn es um die Änderung von homosexuell nach heterosexuell geht?“ auf seiner Website folgendermaßen: „Lass uns die Frage umformulieren. Gibt es begründete Hoffnung dafür, dass Männer und Frauen, die Anziehung zum gleichen Geschlecht erleben, diese Versuchungen überwinden und ein Leben in sexueller Integrität führen können?” Die benutzten Worte seien hier bewusst nicht neutral gewählt, so Weicker.

Neben den inkonsistenten Aussagen über die tatsächliche „Heilbarkeit“ beobachtet Dr. Weicker, dass bei allen mehr oder weniger ernstzunehmenden „Ex-Gay-Initiativen“ aus der Position, Homosexualität sei nicht – wie von der angeblichen Propaganda der „Schwulen-Lobby“ behauptet – genetisch oder biologisch bedingt, der unberechtigte Umkehrschluss gezogen werde, dass sie dann nur psychisch bedingt sein könne, also prinzipiell änderbar sei. Öffentlich werde dabei zumeist von“Änderung“ gesprochen, von „Heilung“ und dem „homosexuellen Problem” nur gegenüber Gleichgesinnten.

Zur tatsächlichen wissenschaftlichen Überprüfung von Behauptungen über Erfolge und Misserfolge von deutschen Schwulenheilern schreibt Dr. Weicker: „Aus dem deutschsprachigen Raum gibt es Einzelberichte (‚Ich kenne da jemanden‘, ‚viele‘), mir sind aber keine systematischen Studien von neutraler Seite bekannt.“ Ihm selbst sei jedoch niemand namentlich bekannt, der sich als „erfolgreich geheilter Homosexueller“ identifiziert, der nicht „in der Beratung mit dem Ziel einer Umorientierung tätig“ sei.

Das selbe gelte allerdings auch in Bezug auf die Schädlichkeit der Therapieversuche: Da sich Personen, die sich an die Presse wenden in der Regel ihre Anonymität bewahren wollen, sei es schwierig, deren Einlassungen nachzuprüfen – wenngleich durchaus verständlich sei, dass diese Personen unerkannt bleiben wollen.

Belastbare Empirie gebe es demnach aus Deutschland weder zur Wirksamkeit, noch zur Schädlichkeit von Konversionstherapie. Aus den USA dagegen stammen inklusive der bereits genannten Spitzer-Studie insgesamt drei empirische Untersuchungen, die (mehr oder weniger) quantifizierbare Ergebnisse erzielten:

  • Robert Spitzer: „200 Interviewteilnehmer, die sagen, dass sie ihre homosexuelle Orientierung zugunsten einer heterosexuellen Orientierung verändert haben.” (Vortrag, APA 2001, später Zeitschriften-Veröffentlichung).
  • Ariel Shidlo / Michael Schroeder: Änderung der sexuellen Orientierung: Ein „Verbraucher-Bericht” (Vortrag, APA 2001, später Zeitschriften-Veröffentlichung). Englisch.
  • Stanton Jones / Mark Yarhouse: „Ex-gays? A Longitudinal Study of Religiously Mediated Change in Sexual Orientation”. Buch (414 S., 2007), nur englisch verfügbar.

Auf alle drei Untersuchungen geht Weicker in seinem Referat im Detail ein, im Folgenden seien seine Ergebnisse kurz zusammen gefasst:

Die Spitzer-Studie, die bei Verfechtern der „Änderbarkeit” besonders beliebt ist, weil er bei der Entscheidung der American Psychological Association (APA), Homosexualität 1973 aus der Liste der psychischen Krankheiten zu streichen, eine wesentliche Rolle gespielt hatte, ist nicht geeignet, überhaupt eine Aussage über die Erfolgsquoten von Konversionstherapien zu treffen, weil nur solche Personen telefonisch befragt wurden, die sich selbst als „Erfolgsfall“ identifizierten. Einen Versuch, Menschen zu finden, die mit einer Therapie begonnen haben, diese aber abbrachen, gab es nicht. Zu bedenken gibt Weicker beider Untersuchung außerdem, dass 78 Prozent der Probanden sich vorher schon „in der Öffentlichkeit für das Recht auf Veränderung eingesetzt” hatten. Verbunden mit der späteren Einlassung Spitzers, wie schwer es gewesen sei, 200 passende Teilnehmer zu finden, deutet sich eine Beeinflussung der Untersuchung durch „Ex-Gay-Aktivisten“ an.

Seltener zitiert wird die Studie der beiden homosexuellen Psychiater Ariel Shidlo und Michael Schroeder, die ihre Ergebnisse auf dem selben Kongress 2001 vorstellten wie Spitzer. Sie hatten auch beinahe die selbe Anzahl an Studienteilnehmern (202, von ursprünglich 216) wie Spitzer. In der Untersuchung wurden die Probanden zu ihren Erfahrungen mit Konversionstherapien befragt, wobei die Autoren zwischen „klinischen” (durch therapeutische Fachleute durchgeführten), und „nicht-klinischen” (meist durch religiös motivierte Gruppen durchgeführten) Therapieansätzen unterschieden.

87 % der Befragten bezeichnen sich in der Shildo/Schroeder-Studie als „Fehlschlag”, nur 13 % als „Erfolg”, wobei nur ein Teil der „Erfolge“ angaben, zur Heterosexualität gefunden zu haben, die Übrigen gaben an, sich mit einem selbst auferlegten Zölibat zufrieden gegeben zu haben. Zu bedenken geben die Autoren allerdings, dass unter den acht Personen (oder vier Prozent) in der Gruppe, die von einer „Verschiebung zum Heterosexuellen hin” berichteten, sieben in der „Ex-Gay-Beratung“ tätig waren, vier davon hauptamtlich. Auch hier scheint eine Beeinflussung der Studie alles andere als ausgeschlossen.

Die dritte Studie, die gerne als wissenschaftliche Evidenz für die Möglichkeit, die sexuelle Identität zu verändern, herangezogen wird, ist die vom amerikanischen Dachverband der Schwulenheiler, „Exodus“, finanzierte Langzeit-Untersuchung von Stanton Jones und Mark Yarhouse, die im Buch „Ex-Gays?“ erschien. Jones und Yarhouse begleiteten im Gegensatz zu den bisher erwähnten Wissenschaftlern die Probanden ihrer Untersuchung direkt von Anfang an, während deren Behandlung – auf diese Weise mussten die Probanden sich nicht längere Zeit zurück erinnern. Das Buch ist durchaus an wissenschaftlichen Standards orientiert, so verschwiegen die Autoren auch nicht, dass sich zur Zeit der Untersuchung außerhalb der Studiengruppe zwei Personen infolge von Konversionstherapie das Leben nahmen. Das Forschungsprojekt hatte allerdings einen Haken: Alle 98 Probanden wurden von „Exodus“ selbst ausgewählt und den Forschern vermittelt – was der Organisation ungeheuerlichen Spielraum für Beeinflussung ermöglichte. 

Die Autoren nennen am Ende eine Erfolgsquote von unglaublichen 38 Prozent beziehungsweise von 26 Prozent, sofern Therapieabbrüche, die häufig waren (33 Prozent), als Misserfolge gewertet werden – und nicht aus der Statistik herausgerechnet werden. Diese 26 Prozent teilen sich allerdings wiederum auf in 15 Prozent, die sich letztlich vorgenommen haben, gar keine Sexualität auszuleben, während nur 10 Prozent der Probanden am Ende angaben, eine Wandlung zur Heterosexualität erfahren zu haben. Wobei mindestens einer davon seine Angabe mittlerweile – noch vor Erscheinen des Buches – revidierte und klarstellte, er akzeptiere nun seine homosexuelle Identität. So bleiben von 98 Personen am Ende neun Personen, die – nach eigenen Angaben – durch die Behandlung heterosexuell wurden, ob sie sich heute noch so einstufen würden ist unbekannt. Und selbst bei diesen neun „Erfolgsgeschichten“ gibt es noch offene Fragen.

Nach Analyse der drei zentralen Studien und deren Abgleich mit den Behauptungen der Schwulenheiler-Organisationen kommt Weicker zu dem Schluss, dass am Anfang immer die Überzeugung „Homosexualität ist etwas Schlechtes, ist abzulehnen” steht. Um diese Überzeugung herum werde dann eine Pseudowissenschaft mit der Prämisse „sexuelle Identität ist veränderbar“ gesponnen, deren Ergebnisse entsprechend des eigenen Weltbildes interpretiert werden können. Weicker zitiert in diesem Zusammenhang auch die Ärztin Dr. Valeria Hick, die dazu 2007 schrieb: „Die Prämisse, Homosexualität müsse von der Bibel her falsch sein, ist so stark, dass mit aller Macht der wissenschaftliche Nachweis gesucht wird. Allzu oft wird dabei bestenfalls selektiv wahrgenommen und schlimmstenfalls auch kurzerhand ein wissenschaftliches Ergebnis völlig verbogen.”

Abschließend stellt Weicker fest: „Ich will nicht behaupten, dass es nirgendwo eine ‚erfolgreiche‘ Veränderung geben kann. Es kann ja irgendwo auf der Welt einen weißen Elefanten geben; nur mir ist noch keiner begegnet.“

Dass Homosexualität also veränderbar zur Heterosexualität ist, dürfte zumindest als sehr unwahrscheinlich, wenn nicht sogar als ausgeschlossen gelten, wenn man zusätzlich die offensichtliche Einflussnahme der „Ex-Gay-Bewegung“ auf die einzigen drei empirischen Studien mit wissenschaftlichem Anspruch bedenkt. Andererseits lassen sich vielleicht einige „Erfolge“ der Konversionstherapie auch damit erklären, dass Sexualität nicht absolut bipolar ist: Zwischen Homosexualität und Heterosexualität liegt ein breites Spektrum sexueller Identitäten (aber das wollen die „Gender-Kritiker“ ja erst recht nicht wahrhaben).

Nicht nur nutzlos, sondern auch gefährlich?

Dass es „sehr unwahrscheinlich“ sei, dass „Individuen [durch Konversionstherapie] fähig sind, gleichgeschlechtliche Anziehung zu verringern oder heterosexuelle Anziehung zu verstärken, geht auch aus einem Papier einer Forschungsgruppe der American Psychological Association von 2007 hervor, zusätzlich stellte die Forschungsgruppe damals fest, man könne keine definitive Aussage darüber treffen, inwieweit Konversionsbehandlungen sogar schädlich sein könnten.

Allerdings gibt es sehr klare Evidenz, die zeigt, dass gesellschaftliche Vorurteile signifikante medizinische und psychologische Probleme bei LGBTI-Personen auslösen. So belegte beispielsweise ein Forschungsprojekt zur familiären Akzeptanz von LGBTI-Jugendlichen, das an der San Francisco State University durchgeführt wurde, dass Jugendliche, die wegen ihrer sexuellen Identität oder Orientierung von ihren Eltern stark zurückgewiesen wurden, verglichen mit LGBTI-Jugendlichen, die deshalb keine oder nur geringe Zurückweisung erfuhren, mit achtfacher Wahrscheinlichkeit suizidgefährdet waren, mit sechsfacher Wahrscheinlichkeit starke Depressionen entwickelten, mit dreifacher Wahrscheinlichkeit unter sexuell übertragbaren Krankheiten litten und mit dreifacher Wahrscheinlichkeit illegale Drogen konsumierten.

Diese Zahlen zeigen: Sozialer Druck auf LGBTI-Menschen kann gravierende Auswirkungen haben und so ist es nur logisch, anzunehmen, dass Konversionstherapie ähnliche Auswirkungen hat, wenn sie unter der Prämisse „Homosexualität ist Sünde/unnatürlich/falsch“ durchgeführt wird – und das wird sie in aller Regel. Insbesondere wenn „Patienten“ feststellen, dass keine Ergebnisse durch die Behandlungen erzielt werden, kann dies zu weiterem Stress, Depressionen und der Isolation von Betroffenen führen.

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Menschenrechtsverbände versuchen auch in Deutschland ein Verbot der Konversionstherapie zu erwirken. Gerade bei jungen Menschen findet diese häufig vor dem Hintergrund starken sozialen Drucks statt.

In Deutschland spricht sich die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), die größte Fachgesellschaft für Psychiater und Psychotherapeuten klar gegen Versuche aus, Homosexualität zu behandeln: „[LGBTI-Personen] entwickeln häufiger affektive Störungen, Angststörungen und Substanzmissbrauch und zudem besteht eine dreifach erhöhte Suizidrate bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit homo- oder bisexueller Orientierung. Die höhere Prävalenz psychischer Störungen bei Menschen mit homo- oder bisexueller Orientierung ist durch direkt oder indirekt erfahrene Diskriminierung bzw. durch eine andere psychische Entwicklung (wie z.B. internalisierte Homophobie, Selbstentwertung oder starke Schuld- und Schamgefühle) bedingt.“

Bedenkt man zusätzlich, dass Konversionstherapien wohl meistens aufgrund von familiärem, religiösem oder gesellschaftlichen Druck – bei Jugendlichen bis hin zum elterlichen Zwang – begonnen werden, dann fällt es nicht schwer, zu erahnen, welches psychisches Leid Menschen erdulden müssen, die an solchen Behandlungen teilnehmen. (Womit sich der Kreis zur Behauptung, ein Verbot von Konversionstherapie richte sich gegen den freien Willen, schließt: Ein Verbot solcher Behandlungen ist nicht totalitär, sondern dient dem Schutz der LGBTI-Community vor religiösem und weltanschaulichem Totalitarismus!)

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Jugendliche, die in ihrem Umfeld wegen ihrer sexuellen Identität starke Zurückweisung erfahren, sind deutlich öfter depressiv als LGBTI-Jugendliche, die Akzeptanz erfahren.

Für die Erforschung der Schädlichkeit von Konversionsbehandlungen stellt es allerdings ein Problem dar, dass Betroffene sich seltenst zu erkennen geben. Weiterhin gibt es Vermutungen, dass das Problem der Konversionsversuche weit über das fundamentalistisch-christliche Niveau hinausgehe, so erklärte die Psychologin Gisela Wolf im „Stern“ im April 2015, man wisse aus britischen Erhebungen, dass selbst Hausärzte – vor allem männliche, ältere Hausärzte – regelmäßig aufgrund ihrer eigenen Vorurteile versuchten, ihren Patienten deren Homosexualität „auszureden“.

Wie soll Konversionstherapie eigentlich funktionieren?

Wie schon erwähnt, ist allen Therapieansätzen gemein, dass sie aufgrund eines klassisch fehlerhaften Umkehrschlusses von einer rein psychologischen Ursache der Homosexualität ausgehen, ansonsten gibt es allerdings erhebliche Unterschiede.

Nicht religiöse, psychotherapeutisch-orientierte Ansätze, sind oft orientiert an psychoanalytischen Ansätzen, so wird die Homosexualität beim Mann beispielsweise durch einen zumindest emotional abwesenden Vater und eine über-aktive Mutter erklärt.

Findet die „Therapie“ auf „christlich-seelsorgerlicher” (ergo fundamentalistischer) Basis statt, gehen die Ansätze von der „Gesundung“ durch Gebet und Lobpreisung Gottes über den Exorzismus mit psychoanalytischem Einschlag bis hin zur „Aversionstherapie“ bei der das Zeigen von homosexuell erotischen Bildern mit negativen Impulsen verbunden wurde – letzteres ist glücklicherweise zumindest in der westlichen Welt quasi ausgestorben. Es gibt allerdings auch „kreativere“ Überlegungen, wie die im evangelikalen Milieu der USA populären Wochenendkurse „Journey into Manhood” von „People Can Change”, bei denen Personen in typische Geschlechterrollen konditioniert werden sollen, um ihre Homosexualität zu überwinden.


Anmerkung der Redaktion: Im Folgenden sind weiterführende Artikel, interessantes und Informationsquellen zur Konversionstherapie angegeben. Es ist uns ein besonderes Anliegen, dass Personen, die sich in ihrer sexuellen Identität unsicher sind, die unter Druck geraten an einer solchen Therapie teilzunehmen, oder die sexuell unsichere Personen in ihrem Umfeld haben, sich intensiv mit den Gefahren und Problemen der Konversionstherapie – die wir für zutiefst unwissenschaftlich halten -, auseinandersetzen.

Wir erklären uns solidarisch mit allen politischen Kräften, die solch pseudowissenschaftliche Therapieansätze verbieten wollen. 

Die Arbeit von Dr. Reinhold Weicker sei an dieser Stelle übrigens durchaus empfohlen, aus Sicht eines homosexuellen Christen und Wissenschaftlers ergründet der Mathematiker nüchtern und objektiv die vorhandene Evidenz zur „Konversionstherapie“.

Zu Mike Pence: Tagesspiegel – Der radikale Vizepräsident.
Zum Verbot in Malta: Männer.de – Malta verbietet Konversionstherapien.
Zum Verbot in Taiwan: Queer.de – Taiwan will „Homo-Heilung“ verbieten.
Zur Haltung der AfD: Übermedien – Der Kampf der AfD gegen das Kindeswohl.

Zur Haltung des DIJG: DIJG – Keine „sexuelle Identität“ im Grundgesetz.
Zum Verein „Wüstenstrom“: Mission-Aufklärung – „Wüstenstrom“.
Zu Wüstenstrom: Stuttgarter Nachrichten – Aussteiger warnt vor Wüstenstrom.
Zur Wirksamkeit von Konversionstherapie: HuK –Homosexualität lässt sich doch verändern” – Wirklich?
Zur Schädlichkeit von Konversionstherapie und zur Lage in den USA: HRC – Gay-conversion-therapy.

Beispiel für Konversionstherapie: FAZ – Hetero in drei Tagen.
Stellungnahme der DGPPN (PDF): DGPPN – Konversionstherapie.
Stern-Interview mit Gisela Wolf: Stern – Umerziehung mit grausamen Folgen.
Video zu „Journey into Manhood“: VICE – Homosexuelle heilen.

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Papst Franziskus warnt vor Rechtspopulisten: „Das Urteilsvermögen funktioniert in Krisenzeiten nicht.“

Rom/Vatikanstadt (Italien). Das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Franziskus, warnt vor einem weiteren Erstarken des Rechtspopulismus und zieht dabei Parallelen zum Aufstieg der Nationalsozialisten in den 20ern und 30ern des vorigen Jahrhunderts.

In einem Interview mit verschiedenen europäischen Zeitungen erklärte der Pontifex, dass es nur natürlich sei, in Krisenzeiten „Ängste und Sorgen“ zu haben. Die Menschen suchten dann Heilsbringer, die ihnen ihre Identität wiedergeben, so Franziskus.

Die Situation erinnere ihn an 1933: „Hitler hat nicht die Macht geklaut. Er wurde von seinem Volk gewählt und danach hat er sein Volk zerstört“, sagte der Papst und fügte hinzu: „Darin liegt die Gefahr. Das Urteilsvermögen funktioniert in Krisenzeiten nicht.“ Gerade in schwierigen Zeiten sei es deshalb essentiell, im Dialog – auch und vor allem zwischen den Völkern – zu bleiben.

Vor diesem Hintergrund warnte der Papst vor Abschottung: „Wir schützen uns mit Mauern und Stacheldraht vor den anderen Völkern, die uns unsere Identität nehmen könnten.“ Jedes Land habe zwar das Recht, seine Grenzen zu kontrollieren – insbesondere wenn dieses Land von Terrorismus und anderen Gefahren bedroht sei. Kein Land habe jedoch das Recht, seinen Bürgern „den Dialog mit den Nachbarn zu verwehren.“

Der Papst gab das Interview während der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Donald Trump. Auf die Frage, was er von ihm halte, antwortete Franziskus, man werde sehen, was er als US-Präsident tue. „Dann werde ich mir meine Meinung bilden“, sagte er. „Gott hat doch bei all meinen Sünden so lange auf mich gewartet.“

Das Thema „Völkerverständigung“ zieht sich allerdings bereits von Anfang an durch Franziskus Pontifikat. So hatte er bei einem Besuch in den USA im vergangenen Jahr die Rhetorik Trumps scharf verurteilt. Ein guter Christ, so Franziskus vor dem Hintergrund, dass die republikanische zutiefst christlich geprägt ist, baue keine Mauern, sondern Brücken. Er bezog sich damit auf das Wahlkampfversprechen Trumps, eine Mauer an der mexikanischen Grenze zu errichten.


Anmerkung der Redaktion: Wir mögen nicht die besten Christen – oder die größten Fans religiöser Institutionen sein -, aber wann immer jemand zur Völkerverständigung aufruft, sollte man ihm zuhören, wann immer jemand Brücken statt Mauern bauen will, kann das helfen. Wenn derjenige der Papst ist, weshalb man ihm eher zuhört, soll es uns auch recht sein.

Der Zuhälter-Papst aus Italien – Priester sind eben auch nur Männer.

 Padua (Italien). Die italienische Polizei ermittelt derzeit gegen einen katholischen Priester, der offenbar die Räumlichkeiten seiner Kirche in Padua verwendete, um dort Orgien zu veranstalten. Mit bis zu 15 Frauen soll der 48-jährige Andrea Conti sein Zölibat gebrochen und Pornofilme gedreht haben. Einige der Damen soll er sogar für Geld anderen Männern seiner Kirchengemeinde angeboten haben. Priester und Zuhälter, verträgt sich das?

Gegen den „Berufsethos“ katholischer Geistlicher jedenfalls dürfte der „Zuhälter-Papst“ allemal verstoßen, außerdem wird von polizeilicher Seite wegen „unmoralischen Gelderwerbs“ und „psychischer Gewalt“ gegen Conti ermittelt, so die britische Zeitung „The Times“. Eine dementsprechend ernste Geschichte steckt daher hinter der Schlagzeile, eine Geschichte von Machtmissbrauch und sexuellem Zwang.

Der Skandal wurde öffentlich, als sich drei Frauen bei der örtlichen Polizei über ihren Gemeindepfarrer beschwerten. Bei der anschließenden Durchsuchung des Gemeindegeländes stießen die Beamten – zu ihrer großen Überraschung – auf große Mengen Sex-Spielzeug und pornographische Aufnahmen, welche laut „Times“-Bericht die Orgien des Geistlichen zeigen. Ein weiteres Sakrileg beging Conti dabei, indem er offenbar seinen Sex-Tapes die Namen verstorbener Päpste gab.

Der italienischen Zeitung „Il Mattino“ zufolge sollen die Orgien regelmäßig alle zwei Wochen stattgefunden haben. Eine 49-jährige Frau, die zu den Konkubinen des Priesters gehört haben will sagte zudem aus: „Es geschah im Pfarrhaus, und zwar zu jeder Zeit. Morgens, nachmittags, nachts, immer.“

Orgien im Pfarrhaus sind allerdings nicht illegal – so unmoralisch sie aus kirchlicher Sicht auch sein mögen. Anders sieht es da – zumindest in Italien – mit Prostitution aus, insbesondere, wenn sie, wie die Zeuginnen aussagten unter psychischem Druck erfolgt. Derzeit gehen die Ermittlungsbehörden dem Verdacht nach, dass der Geistliche Männer in seine Kirche einlud und sie gegen eine Gebühr mit den Frauen schlafen ließ. Sein Klientel soll er über Websites gefunden haben, auf denen Frauen „ausgetauscht“ werden.

Parallel ermitteln laut „Il Mattino“ die Kirchenbehörden gegen Pfarrer Conti, gegen den schon im vergangenen Sommer Beschwerden beim zuständigen Bischof eingegangen waren. Einmal mehr hielt es allerdings die katholische Kirche im Fall Andrea Conti nicht für nötig einen ihrer Priester, der unter dem Verdacht steht eine Sexualstraftat – Nötigung zur Prostitution – begangen zu haben, bei der Polizei zu melden. Dieses Muster scheint sich ununterbrochen durch die Geschichte aller Sexualskandale der Kirche zu ziehen.

Solange zugelassen wird, dass die Kirchen in europäischen Ländern staatsähnliche Machtstrukturen unterhalten, wird es immer wieder zu solchen Fällen kommen, in denen sogenannte Kirchenbehörden der Öffentlichkeit, beziehungsweise den ermittelnden (staatlichen) Stellen, Informationen vorenthalten, um Kriminalermittlungen gegen Priester und Kirchenmitarbeiter zu verhindern.

Was für ein Frauenbild muss übrigens ein Bischof haben, der es nicht der Polizei meldet, wenn ihm eine Frau erzählt, sie sei mit psychischem Druck dazu genötigt worden, sich zu prostituieren? Der Islam mag ein Problem mit dem Frauenbild haben, aber ganz offensichtlich hat das die katholische Kirche auch.

Milites Templi – Zweiter Teil: Wie die Templer zum Orden wurden.

ACHTUNG: Der dritte Teil der Serie musste verschoben werden – er wird vorraussichtlich am Samstag erscheinen!

Dies ist der zweite Teil der Serie „Milites Templi“. Lesen Sie hier den ersten Teil der Serie.


„Non nobis Domine, non nobis, sed nomini tuo da gloriam!“ – Psalm 115,1; Motto der Templer.

Kapitel V: Die Reise des ersten Meisters und die Synode von Troyes.

Um als geistlicher Orden Anerkennung zu finden brauchte die Ritterschaft einer durch den Papst bestätigten Regel, um diese zu erhalten reisten die Gründer der Tempelritter, Hugo de Payns und Gottfried de Saint-Omer Ende 1127 (unter Umständen auch erst 1128) in die Champagne. Zu diesem Zeitpunkt war wohl die Ritterschaft schon ein Stück angewachsen, denn den Aufzeichnungen zufolge reisten die beiden Ritter gemeinsam mit vier weiteren Ritterbrüdern in einer Gesandtschaft Balduins II. zu einem ihrer frühesten Förderer, des Grafen Fulk V. von Anjou, der später zum dritten König des Kreuzfahrerstaates Jerusalem aufsteigen würde. Ziel dieser Gesandtschaft war es vor allem, den Grafen, der schon früher im heiligen Land und 1120/21 auch bei den Templern war, als Nachfolger des kinderlosen Balduin II. zurück nach Outremer zu holen.

Outremer
Die Kreuzfahrerstaaten, das „Outremer“ um 1135.

Wobei es als äußerst unwahrscheinlich zu bewerten ist, dass im heiligen Land nur drei Ritter zurückblieben. Wahrscheinlicher ist, dass sich schon bald, vielleicht sogar unmittelbar nach der Zusammenkunft der Ritterschaft weitere Mitglieder zu den neun Gründungsrittern gesellten, diese These wird unterstützt vom Bericht Michaels des Syrers, der von einer Gruppe von 30 Rittern spricht, die sich gegenüber König Balduin I. zum Kriegsdienst verpflichteten.

Hugos Reise in die Champagne war jedoch sicher auch der Versuch, den Templern die nötige Anzahl an Rittern und materielle Basis für größere Unternehmungen zu verschaffen. Denn auch wenn das Hauptziel der Gesandtschaft die „Rekrutierung“ Fulks V. als Erbe Jerusalems war, so ging es doch erklärtermaßen auch um die Gewinnung personellen Nachschubs für das heilige Land, weshalb es nur logisch war, dass Hugo sie auch als Werbereise für die junge Rittergemeinschaft nutzte.

Aus diesem Grund begab er sich mit seiner Gefolgschaft zunächst nach Nordfrankreich, wo die Besitzungen der Ritterbrüder lagen, die an die Gemeinschaft übergehen sollten, wofür diese jedoch die Erlaubnis der jeweiligen Landesherren benötigte. Erste Erfolge konnte der Adlige dort bereits im Herbst 1127 verbuchen: So kam es zu einer Landschenkung an die Gemeinschaft durch den Grafen Theobald IV. von Blois und der Champagne, außerdem erlaubten er und der Graf von Flandern die Übertragung von Besitz in ihren Ländern an die Templer. Ähnliches geschah bald in ganz Nordfrankreich und darüber hinaus. Im Sommer 1128 begab sich Hugo schließlich auch in de Normandie, nach England und Schottland, wo weitere Schenkungen erfolgten, unter anderem durch König Heinrich I. von England, sowie zahlreiche schottische und englische Adlige. Nicht nur Ländereien wurden der Gemeinschaft geschenkt, sondern auch große Mengen an Gold und Silber, die der Gründer der Templergemeinschaft nach Jerusalem bringen ließ. Diese Schenkungen legten den Grundstein für den später sprichwörtlich gewordenen Reichtum der Templer und die vielen Legenden um den Templerschatz.

Einmal mehr bewies Hugo de Payns bei dieser Reise propagandistisches Geschick, wie ein (vermutlich) zeitgenössischer Bericht aus der Angelsachsenchronik beschreibt: „Er rief die Menschen auf, nach Jerusalem zu gehen. Im Ergebnis gingen mehr Menschen mit ihm oder nach ihm als jemals zuvor nach dem ersten Kreuzzug, der in den Tagen Papst Urbans stattfand […]“ Dementsprechend erfolgreich verlief also die Reise Hugos einerseits für die Templergemeinschaft und andererseits für die Beschaffung von personeller Unterstützung für Jerusalem.

Die Angelsachsenchronik berichtet jedoch auch, der Adlige habe sich dabei einer perfiden politischen List bedient: Offenbar erklärte Hugo den potentiellen Unterstützern zunächst, im Heiligen Land stünde eine entscheidende Auseinandersetzung zwischen Christen und Ungläubigen unmittelbar bevor, wobei jene, die seinem Aufruf folgten bald hätten feststellen müssen, dass dies eine Lüge gewesen sei.

Ein weiterer Grund für Hugos Reise ins Abendland dürfte die innerkirchliche Kritik am Orden gewesen sein, insbesondere die Vereinigung von Mönchs- und Ritterideal stieß bei zahlreichen Kirchenpersönlichkeiten auf Unverständnis, da diese gegen die im Mittelalter übliche Trennung zwischen arbeitenden, betenden und kämpfenden Personen verstieß.

So kam es wohl auch zur Synode von Troyes, die gemäß des Prologs zur Templerregel auf ausdrücklichen Wunsch Hugos von Payens‘ in der Champagne zusammen trat. Offenbar sollte die Aufgabe des Konzils sein, die Konflikte über die „Neue Ritterschaft“ in der Lehrmeinung zu lösen, und der Gemeinschaft eine entsprechende Ordensregel zu verschaffen. Wobei zu bemerken ist, dass es kein anderes Beispiel dafür gibt, dass ein Konzil einzig einberufen wurde zur Anerkennung eines christlichen Ordens. Wahrscheinlicher ist deshalb, dass es sich bei der Synode von Troyes um ein reguläres Regionalkonzil handelte, welches von Bernhard de Clairvaux, Hugo de Payens und deren Unterstützern aus Adel und Klerus später dahingehend verklärt wurde, sein einziger Zweck sei die Gründung des Ordens gewesen.

Bernhard_von_Clairvaux_(Initiale-B)
Bernhard de Clairvaux in einer Initialdarstellung (13. Jahrhundert).

In der Liste der Anwesenden wird der einflussreiche Zisterzienserabt mittlerweile regelmäßig mit aufgeführt. Zwar ist dessen Anwesenheit nicht schriftlich verbürgt, sie gilt jedoch aufgrund seiner Stellung in der Kirche als gesichert. Seine konkrete Rolle auf dem Konzil und in der Gründung des Tempelritterordens dagegen ist umstritten: So wird teilweise behauptet der Abt hätte die Templerregel selbst verfasst, was jedoch so nicht stimmt, wenngleich der Reformist erheblichen Einfluss auf die Regel genommen haben dürfte.

Es dürfte auch an Bernhard gelegen haben, dass Hugo persönlich – als Laie – den Entwurf der Ordensregel vortragen durfte. Im Besonderen legte der Adlige dabei der Synode dar, welche Gewohnheiten und Lebensregeln die Gemeinschaft bisher verfolgte, und wie sie sich in den ersten Jahren entwickelte, wobei er den Schutz der Pilger im Outremer gegen „heimtückische“ Feinde als Hauptaufgabe und Besonderheit des Ordens hervorhob. An den Vortrag Hugos schloss sich dann offenbar eine lebhafte Debatte über die Qualität des Entwurfes an, an deren Ende ein 71 Punkte umfassender zweiter Regelentwurf stand. Dieser band die Brüder an die mönchischen Gelübde von Armut, Keuschheit und Gehorsam und gab vermutlich nach dem Vorbild der Zisterzienser den Rittern als erstem Stand des Ordens einen weißen Mantel, während dienende und arbeitende Brüder schwarze oder braune Mäntel tragen sollten.

Zwar war die Zustimmung, der Konzilväter zur Gründung des Ordens schon aufgrund der angespannten Situation im Heiligen Land einhellig, zum Regelentwurf jedoch gab es bis zuletzt Bedenken, weshalb es nicht zu einer endgültigen Fassung oder gar zur erhofften päpstlichen Anerkennung kam. Vielmehr wurde die endgültige Entscheidung über den Regeltext dem Pontifex Honorius II. selbst und dem Patriarchen von Jerusalem, Étienne de la Ferté überlassen.

Dennoch kann das Konzil im Januar 1129 als Gründungsversammlung des Ordens verstanden werden: Erstmals erfuhr hier eine Rittergemeinschaft offizielle kirchliche Anerkennung und wurde mit einer vorläufigen Ordensregel ausgestattet.

Kapitel VI: Die arme Ritterschaft Christi – Ein Missverständnis.

templer-Darstellung aus der Chronik Matthäus von Paris
Darstellg der Templer aus der Chronik des Matthäus von Paris (13. Jahrhundert)

Seit der Überlassung der Al-Aqsa-Moschee durch Balduin II. lautete die offizielle Bezeichnung der neuen Ritterschaft „Pauperes commilitones Christi templique Salomonici Hierosolymitanis“ ins Deutsche übertragen spricht man meist von der „Armen Ritterschaft Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem“ Das Wort arm gibt dabei jedoch Rätsel auf, denn arm war der Orden wohl selbst zu seinen Anfängen nicht, wenn man die großzügigen Schenkungen und sonstigen Förderungen bedenkt, später wurde gar der Reichtum des Templerordens sprichwörtlich, das Gold der Templer zum Mythos, der bis in die heutige Zeit überdauert. Auch kamen die Gründungsmitglieder der Ritterschaft allesamt aus angesehenen Adelsfamilien, die sicher keinen Hunger leiden mussten.

Für diesen Widerspruch finden sich allerdings zweierlei Erklärungen, die gleichermaßen richtig erscheinen: Erstens sollte wohl das Wort „arm“ nicht in erster Linie Besitzlosigkeit anzeigen sondern eine grundsätzlich demütige Haltung sowie eine Abgrenzung zum existenten Wohlstand der großen Klöster demonstrieren. Zweitens kann das Wort „pauper“ beziehungsweise die in der Ordensregel verwendete Formulierung „sine proprio“ auch Verstanden werden als „ohne persönliches Eigentum“, also als Einlassung des Ordens über die Entsagung seiner Mitglieder vom weltlichen Besitz. Dieses Gelübde, dass Ritter, die dem Orden beitreten wollten allem persönlichen Eigentum entsagen, Besitzungen gar an die Gemeinschaft abtreten mussten, galt solange der Orden bestand, wie sehr auch sein Reichtum wuchs. Der Orden als Gemeinschaft durfte ohne Beschränkung Vermögen anhäufen, während die einzelnen Mitglieder „sine proprio“ blieben.

Templer-Siegel
Siegel der Templer.

Eine dritte Erklärung findet sich in der Selbstdarstellung des Ordens. Hugo de Payns, der als geistiger Vater der Gemeinschaftsbezeichnung gilt, dürfte diesen auch propagandistisch und zur Sammlung von Spenden genutzt haben, für diese These spricht auch die frühe Selbststilisierung des Ordens beispielsweise durch ein frühes Siegel der Templer, das zwei Ritter auf einem Pferd zeigt. Diese Stilisierung wurde übernommen von zeitgenössischen Chronisten und über die Jahrhunderte weiter verbreitet: „So arm war anfangs der Orden, dass er auf Almosen angewiesen war, und dass es für zwei Templer nur ein Pferd gab,“ heißt es in mehreren Chroniken in variierender Form, obgleich als gesichert gilt, dass schon in den Anfangszeiten des Ordens die Anzahl der Pferde, die einem Ordensritter zustanden, einer Rangeinstufung gleichkam.

Kapitel VII: Vom „Lob der neuen Ritterschaft“ und der päpstlichen Anerkennung.

Einer der Anwesenden auf dem Konzil von Troyes war sicher Bernhard de Clairvaux, der in der Templerforschung oft als Vater der Tempelritter und heimlicher Papst bezeichnet wird. Tatsächlich war der Zisterzienser wohl nicht nur mit verantwortlich für die Formulierung der Ordensregel, sondern er wurde in der Folgezeit auch Hugos engster propagandistischer Verbündeter. Seinen Bemühungen um die Rittergemeinschaft, die wohl auch daher rührten, dass die reformistischen Zisterzienser häufig aus den selben Adelskreisen stammten, wie die Tempelritter, weshalb sie ihre Reformbewegung auch auf den Ritterstand ausdehnen wollten, ist ein großer Teil der Popularität der Tempelherren zu verdanken.

Wobei Bernhard wohl nicht direkt für den Orden eingenommen war, so billigte er, obgleich sein Onkel, Andrè de Montbard sehr wahrscheinlich zu den Gründungsmitgliedern um Hugo de Payns gehörte, nur zögerlich den Eintritt des Grafen Hugo von der Champagne in den Orden. Erst der in Kapitel IV erwähnte Brief König Balduins II. dürfte den Grundstein für die Änderung seiner Position gelegt haben. Weiterhin wird Hugo de Payns den Zisterziensermönch auf der Synode von Troyes empfindlich bearbeitet haben, so berichtet Bernhard selbst, er sei im Vorfeld des Konzils unter erheblichen Druck gesetzt worden, trotz einer Erkrankung teilzunehmen. In Troyes gerieten die beiden demnach in engeren Kontakt und in der Folgezeit bat Hugo den Abt immer wieder, zugunsten der neuen Lebensform Stellung zu beziehen.

So fertigte der Reformabt noch vor dem Tod Hugos seine Schrift „Über das Lob der der neuen Ritterschaft“ an, die sich zu einer grundlegenden Rechtfertigung nicht nur des Templerordens, sondern auch späterer christlicher Ritterorden entwickeln sollte. Durch eine scharfe Abgrenzung vom weltlichen Rittertum bezog Bernhard, der selbst einem recht jungen Orden angehörte, Stellung gegenüber der Kritik an den Tempelherren, jedoch nicht ohne das reine Mönchtum vornan zu stellen. In seiner Verteidigung der Templer schreibt Bernhard, dass die im Heiligen Land entstandene Ritterschaft die Aufgaben von Mönchtum und Rittertum zusammen führt, demnach gelte für das weltliche Rittertum weiterhin, dass das Töten im Kampf eine Todsünde sei, während die Templer im Kampf frei von Sünde blieben und die Gewissheit hätten, über den Tod im Kampf das ewige Leben zu erlangen. Insgesamt stellt die Schrift des Abtes die weltliche Ritterschaft als eine Kraft es bösen dar, die geprägt sei von Streit- und Prunksucht sowie von der eitlen Suche nach Ruhm und Besitz, wohinter ritterliche Tugenden völlig zurück träten. An erster Stelle kritisiert er somit die „weltliche Pracht“ des säkularen Rittertums.

Wohingegen die Tempelritter wahre Ritter Christi seien, die für Christus siegten, wenn sie dessen Feinde töteten. Sie seien dementsprechend Diener Gottes, wenn sie Heiden und andere Übeltäter nieder streckten. Die Schrift suggeriert sogar, die neue Ritterschaft sei von Gott selbst nach Jerusalem gesandt worden, um die heilige Stadt von ihren Nöten zu befreien. Zugleich lobt der Abt das mönchische Zusammenleben der Ritter, die gegenseitige Rücksichtnahme, die Demut, die fehlende Eitelkeit sowie die Gottesfurcht der Männer. Insgesamt ist „Über das Lob der der neuen Ritterschaft“ ein Meisterwerk der Propagandakunst des Mittelalters, welches schließlich auch seine erzielte Wirkung nicht verfehlt: Zwar war weiterhin Balduins II. und Hugos Wunsch von einer päpstlichen Anerkennung noch nicht stattgegeben worden, die Schrift Bernhards jedoch machte die Ritterschaft binnen kürzester Zeit im ganzen Abendland bekannt und verschaffte ihr so den endgültigen Durchbruch.

Hugo de Payns starb im Mai 1137 oder 1138, ohne die päpstliche Anerkennung als Orden erreicht zu haben. Sein Nachfolger,Robert de Craon, der aus dem Umfeld des dritten Königs von Jerusalem, des Templermäzens Fulk von Anjou, stammte, trieb diesen Plan jedoch weiter voran.

Schon bald nach seiner Wahl zum Meister 1138 reiste er nach Europa, um weitere Unterstützung für die Gemeinschaft zu gewinnen, die seinerzeit mit zahlreichen Problemen zu kämpfen hatte: So wurden sie durch die teure Einfuhr von Nahrungsmitteln und Pferden belastet, durch den Kirchenzehnten, den sie weiterhin zu zahlen hatten, sowie durch Spannungen zwischen dem König und dem Patriarchen von Jerusalem, da die Ritter beiden Instanzen verpflichtet war. Robert wandte sich deshalb direkt an Papst Innozenz II., der gerade, nach dem Tod des Gegenpapstes Anaklet II. 1138 und mit der Hilfe von Bernhard Clairvaux, die Folgen eines Kirchenschismas beseitigt hatte, welches vielleicht auch eine frühere päpstliche Anerkennung der Ordensregel verhindert hatte.

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Papst Innozenz II. (links) auf einem zeitgenössischen Mosaik in der römischen Kirche Santa Maria in Trastevere.

Der Pontifex gab Roberts Ansuchen schließlich statt, am Vorabend des zweiten Laterankonzils, das die Wiederherstellung der Kirchenheinheit demonstrieren sollte, stellte Innozenz II. den Templern am 29. März 1139 unter Beteiligung zahlreicher Kardinäle mit der Bulle „Omne datum optimum“ (deutsch: Jede beste Gabe) umfangreiche Privilegien aus. Gleichzeitig unterstellte der Papst den neuen Orden direkt dem heiligen Stuhl. So war Robert von Craon schließlich gelungen, was seinem Amtsvorgänger zeitlebens versagt geblieben war: Die Templer waren unter seiner Führung in den Status eines christlichen Ordens erhoben worden, wodurch sich ihr Aufstieg zur vielleicht mächtigsten Organisation des Mittelalters erheblich beschleunigen würde.

Was steht in der Bulle „Omne datum optimum“?

– Der Orden und dessen gegenwärtiger sowie künftiger Besitz stehen unter dem Schutz des Papsttums.
– Das etablierte religiöse Leben in den Templerhäusern soll nicht von außen beeinflusst werden.
– Änderungen der Regel sollen mit Zustimmung des Meisters und der Mehrheit des Generalkapitels möglich sein, nicht aber von außerhalb des Ordens.
– Der Templerorden darf etwaige Kriegsbeute vollständig behalten.
– Keine geistliche oder weltliche Organisation darf von den Templern einen Lehenseid verlangen.
– Nach dem Eintritt darf ein Bruder unter keinen Umständen die Gemeinschaft wieder verlassen, nicht einmal zugunsten eines Ordens mit strengeren Lebensformen.
– Gegen den Willen des Ordens darf von ihm keine Zehnten verlangt werden, den selbst eingetriebenen Zehnten darf der Orden frei für eigene Zwecke verwenden.
– Dem Templerorden wird gestattet für all seine Häuser eigene Priester aufzunehmen, die dem Meister des Ordens direkt unterstellt werden.

Die Privilegierung des Templerordens, die durch „Omne datum optimum“ eingeleitet und durch die Privilegien aus „Milites Templi“ von Papst Cölestein II. (1144) sowie durch „Milites Dei“ von Papst Eugen III. (1145) bestätigt und erweitert wurden, erlaubte nunmehr eine eigenständige Entwicklung des Ordens, der in der Folgezeit ein enormes Netzwerk aufbauen würde, um die Einkünfte aus dem Westen auch im Heiligen Land nutzbar zu machen.


Lesen Sie ab dem kommenden Donnerstag, den 21. Juli den dritten Teil dieser Reihe mit dem Titel „Der Aufstieg des Templerordens zu Macht und Reichtum“.

Warum Noahs Arche sank und Fundamentalisten Vernunftverweigerer sind.

Williamstown (Kentucky, USA). Knapp 80 Meilen vom umstrittenen Creation Museum in Petersburg, wurde am Donnerstag ein „originalgetreues“ 1:1 Modell von „Noahs Arche“ enthüllt. Ob das über 150 Meter lange Schiff allerdings seetüchtig wäre, darf bezweifelt werden. Das Ausstellungsstück ist Teil der „Ark Encounter“, eines Themenparks, der sich mit Kreationismus und der „großen Flut“ beschäftigt und Spaß für die ganze Fundamentalistenfamilie verspricht. Für einen kritischen Menschen wirkt allerdings schon die Website unheimlich: Hier werden biblische Erzählungen als wahre Erd- und Menschheitsgeschichte verkauft.

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Selbstverständlich gibt es auch in diesen Kreationistenpark die obligatorischen Dinosaurier.

Ich habe schon häufig Kreationisten als Wissenschaftsverweigerer bezeichnet, denen nicht gestattet werden darf, ihre vernunftfeindliche und gefährliche Protestideologie öffentlich als wissenschaftliche Lehre zu bezeichnen. Dennoch erleben Kreationisten und ihre Pseudowissenschaften insbesondere in den USA großen Zulauf: Zwischen 42 und 47 Prozent der US-Amerikaner glauben an die Theorie von „Intelligenten Design“, dass die Erde trotz aller gegenteiligen Belege erst rund 6.000 Jahre alt ist, und – natürlich – dass es im Laufe dieser 6.000 Jahre irgendwann eine Große Flut gegeben habe, im Zuge derer die gesamte Erdmasse überschwemmt wurde, wodurch alle Menschen und Tiere ertranken, abgesehen selbstverständlich von denen, die sich auf Noahs magischer Arche befanden. Warum magisch? Weil Schiffsbauexperten einhellig meinen, ein über 150 Meter langes Schiff aus Holz (diese Länge gibt die Bibel vor), könnte schon deshalb nicht existieren, weil es sich bei Wellengang derartig verbiegen würde, dass es unweigerlich undicht würde. Tatsächlich war es erst durch die Nutzung von Stahlbau und Schweißtechnik möglich derart gewaltige Schiffe zu bauen – und seetüchtig zu halten.

Aber gleich, wie überzeugend die Argumente auch sind, die einem fundamentalistischen Verfechter des „Junge-Erde-Kreationismus“ entgegengebracht werden, er wird an seine Ideologie glauben, auch deshalb, weil es den Kreationismus-Predigern gelungen ist, insbesondere in den USA, insofern eine akademische Anerkennung zu erlangen, als dass sie ihre Ansichten in eine undurchdringliche Hülle von Pseudowissenschaft gepackt haben. Wobei, wie so oft bei Pseudowissenschaften systematisch all jene Fakten berücksichtigt werden, die die Theorie stützen und all jene ignoriert werden, die sie widerlegen würden. In den USA existieren christliche Universitäten wie die „Liberty University“ an denen sogar tatsächlich Kreationismus studiert werden kann.

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Aber auch vermeintlich „echte“ Wissenschaftler arbeiten für Projekte der „Junge-Erde-Kreationisten“, was die Ideologie umso gefährlicher macht. So arbeitete an der Gestaltung des Themenparks in Williamstown auch der Biologe und Harvard-Absolvent Natahniel Jeanson mit, der gegenüber dem „Telegraph“ steif und fest behauptet, „dies ist keine Anti-Wissenschaft, wir alle huldigen hier der Wissenschaft, wir bringen aber den Leuten bei anders zu denken.“ Jeanson und seine Kollegen, die sich ungestraft Wissenschaftler nennen dürfen, glauben, die Bibel sei ein historischer Faktenbericht, Genesis erzähle dementsprechend die wahre (und wörtlich zu nehmende) Schöpfungsgeschichte, was schon deshalb drollig ist, weil den wenigsten Kreationisten bewusst ist, dass es in Genesis gleich zwei Schöpfungsmythen gibt.

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Im Inneren der „Arche“.

Ein wichtiger Bestandteil ist selbstverständlich Noahs Arche, deren „Nachbau“ die Hauptattraktion des Parks ist. Daneben werden im Inneren des Schiffsmodells Dinosaurier gezeigt, die vor  rund 65 Millionen Jahren aus starben, es gibt einen Streichelzoo, tägliche Tiershows, biblisches Live Entertainment und ein Restaurant mit 1.500 Plätzen. Dazu sollen künftig ein „Pfad durch die biblische Geschichte“ sowie eine Nachbildung des Turms zu Babel kommen, wobei letzteres insofern ironisch ist, als dass Gott laut Bibel die Bauherren des „Originals“ für ihre Hybris bestrafte.

Geplant und gebaut, um, laut dem gebürtigen Australier und Vorsitzenden von „Answers in Genesis“, der umstrittenen Fundamentalistenorganisation, die hinter dem Projekt steht, Ken Ham, allein im ersten Jahr Zweimillionen Besuchern die kreationistische Lehre näher zu bringen, wurden fast 100 Millionen US-Dollar in den Park investiert. Die Investitionssumme wurde dabei durch Spenden, Anleihen und fragwürdige Steuerbefreiungen aufgebracht.

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Ein Yak zum Streicheln im Kreationistenpark.

Auch weil hier staatliche Subventionen im Spiel waren, fällt die Kritik der vielen Gegner des Projekts, die es (glücklicherweise) gibt. Besonders scharf aus. Jim Helton, Präsident der Organisation „Tri-State Free Thinkers“,war unter den rund hundert Demonstranten, die am Donnerstag vor den Toren des Parkes gegen dessen Eröffnung protestierten. Sie trugen Schilder, auf denen Sätze standen wie: „Eine vom Steuerzahler geförderte Flut der Ignoranz, was für ein Desaster!“ Oder: „Statt Eure Kinder zu zwingen Eure Version der Wahrheit zu lernen, bringt ihnen kritisches Denken bei!“

Der wissenschaftlich-kritische Helton beschrieb den Themenpark als symbolisch für die gesellschaftlichen Probleme der USA. „Das ist absolut gefährlich,“ sagte er in einem Interview mit dem „Telegraph“. „Eltern lehren ihren Kindern, dass sie in der Hölle brennen, wenn sie an die Evolutionslehre glauben.“ Daraus ergebe sich eine Haltung, die Wissenschaft als unwahr anzunehmen und Fakten auszublenden, so Helton.

Sämtliche gesellschaftlichen Probleme will Helton auf diese anti-wissenschaftliche Haltung zurückführen können. „Es ist die selbe Logik, mit der Transgender-Personen verboten wird, die Toilette ihrer Wahl zu benutzen, mit der es untersagt wird, in Würde zu sterben und mit der Verhütung und Abtreibung missbilligt werden.“

Im Übrigen solle sein Protest Aufmerksamkeit darauf lenken, dass der Park nur Christen einstelle, denen ein Pastor ihren Glauben zertifiziert habe. Homosexuellen dagegen sei eine Einstellung grundsätzlich unmöglich, während unverheiratete Christen ein Keuschheitsgelöbnis abzulegen hätten. Eine untragbare Diskriminierung.

„Das ist kein harmloses Boot,“ sagt Helton schließlich. „Sie sollten besorgt darüber sein.“

Und wenigstens wir sind besorgt! Es ist dieser durch fundamentalistische Indoktrination geprägte, generelle Argwohn gegenüber den Wissenschaften, der nicht nur zu den wirrsten Verschwörungstheorien führt, sondern auch in Amerika eine Generation von Kindern hervorbringt, die nicht in der Lage sein wird außerhalb der anerzogenen Religiosität, die sie für die absolute Wahrheit hält, zu denken. Wenngleich der Zirkel um Ken Ham und die „Answers in Genesis“-Foundation verhältnismäßig eng ist, glaubt doch fast die Hälfte der US-Amerikaner an die Lehren der Kreationisten. Fast die Hälfte der US-Bervölkerung hat bereits der Wissenschaft abgeschworen! Deren Kindern wird es kaum besser ergehen.

Übrigens ist auch Deutschland nicht völlig gefeit vor den gefährlichen Lehren der Kreationisten, etwa eine Million Menschen glauben hierzulande an die biblischen Schöpfungsmythen und lehnen die wissenschaftliche Erklärung für die Entstehung der Artenvielfalt generell ab. Diese Extremisten finden sich zwar nur selten in den großen Amtskirchen, dennoch gewinnen sie vor allem in der Bildungsdebatte immer wieder auf unerklärliche Weise Einfluss. Alle paar Jahre kommt es zu Vorstößen evangelikaler Gruppierungen, die biblische Schöpfungsgeschichten gleichberechtigt zur Evolutionstheorie im Biologieunterricht zu lehren. Eine gruselige Vorstellung, finden Sie nicht?

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Eine kleine Pointe noch zum Schluss: Jene Fundamentalisten, die mit ihrem Park beweisen wollen, dass die biblische Schöpfungsgeschichte und die Geschichte von Noah, der Arche und der Flut, wahr sind, brauchten, wie im letzten Bild zu sehen ist moderne Methoden, um ein vermutlich nicht seetüchtiges Schiff zu bauen. Methoden, die Noah vor ein paar tausend Jahren unmöglich zur Verfügung gestanden haben können. Es dürfte nicht einmal Schrauben gegeben haben. Beweist das nicht, dass diese Leute selbst nicht glauben, was sie anderen predigen?

Milites Templi – Erster Teil: Gott will es! – Der erste Kreuzzug und die Anfänge der christlichen Ritterschaft.

„Non nobis Domine, non nobis, sed nomini tuo da gloriam!“ – Psalm 115,1; Motto der Templer.

Vorwort.

„Milites Templi“, der Titel der vorliegenden Schriftenreihe war einst auch der Titel einer Päpstlichen Bulle vom 9. Januar 1144, mit der Papst Coelestin II. die Regeln des Templerordens bestätigte und diesem zusätzliche Privilegien einräumte. Weiterhin sollte die Bulle dem Ritterorden die Unterstützung des klerikalen Standes zusichern. Als Erweiterung der Anerkennung des Ordens durch Papst Honorius II. und der Bulle „Omne datum optimum“, mit der Papst Innozenz II. den Orden direkt dem Papst unterstellte und ihm das Recht zur Einnahme von Steuern, zur Beerdigung von Ordensmitgliedern sowie zur Errichtung von Kirchenbauten einräumte, gehört „Milites Templi“ zu den wichtigsten Dokumenten, welche die spätere Mach des christlichen Ritterordens begründeten. Die Wahl dieses Titels erscheint deshalb nicht nur aus klanglichen Gründen angemessen, wenn man sich mit der vielleicht mysterienumwobensten Organisation des Mittelalters beschäftigt.

Um kaum eine andere Gruppierung ranken sich so viele Mythen, Legenden und Verschwörungstheorien, wie um die Templer. Die folgende Schriftenreihe soll jedoch den über die Jahrhunderte entstandenen Templermythos größtenteils beiseite lassen und stattdessen auf möglichst unterhaltende Weise Einblicke in die wahre, anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse nachprüfbare Geschichte des christlichen Ritterordens vermitteln. Dabei soll auch gezeigt werden, dass belegbare Geschichte in Sachen Spannung durchaus mit jeder Verschwörungstheorie mithalten oder diese gar übertreffen kann.

Kapitel I: Der Islam gehört zur europäischen Kulturgeschichte.

Wer die Geschichte der Kreuzzüge und der Tempelritter erzählen will, kommt nicht umhin die Geschichte der ersten Begegnungen der drei großen abrahamitischen Weltreligionen, des Christentums, des Judentums und des Islams zumindest anzuschneiden. Hierzu gehört auch die Historie der muslimischen Herrschaft über die Iberische Halbinsel und Teile Südfrankreichs, welche vom Beginn des achten bis mindestens zum Ende des neunten Jahrhunderts  kulturell, wissenschaftlich und wirtschaftlich die fortschrittlichsten Teile Europas waren. Das verdankten die Regionen allein den arabischen Besatzern, welche die Region „Al-Andalus“ nannten.

Ausdehnung der Islamischen Herrschaft.Ein Blick auf die Karte zeigt, eindrücklich die immense Ausdehnung des islamisch beherrschten Gebiets. Binnen zwei Jahren hatten maurische Truppen mit Ausnahme Asturiens, Galiziens und Kataloniens ganz Spanien unterworfen. Im Jahr 719 erreichten die ersten die französische Stadt Avignon, eroberten Lyon und Narbonne. Wenige Jahre später fielen auch das Rhône- und das Saônetal sowie die Städte Carcassonne und Nîmes an die maurischen Besatzer. Im gesamten arabischen Herrschaftsgebiet wurde nun, fünfmal am Tag, wenn die Muezzins von den Minaretten zum Gebet riefen, Allah gehuldigt. Hier gehörte der Islam zumindest zeitweise untrennbar zu Europa.

Doch das arabische Besatzungsgebiet in Südwesteuropa war nur ein kleiner Teil des muslimischen Herrschaftsgebietes, dass sogar eine größere Ausdehnung erreichte als das römische Imperium.

Die arabische Kunst und der islamische Lebensstil flossen dabei in die iberische und südfranzösische Kultur rapide ein, schon weil die islamische Kultur der europäischen zu jener Zeit weit voraus war. Im damaligen Herrschaftsgebiet Al-Andaluz fand eine Symbiose zwischen orientalischer und okzidentalischer Lebensweise statt, wie es sie nie wieder gab. Einzig in den späteren Kreuzfahrerstaaten war es noch einmal zu derartigen kulturellen Annäherung gekommen.

Tatsächlich waren die arabischen Besatzer den christlichen Europäern in jeder Weise überlegen. Naturwissenschaftlich, medizinisch, hygienisch und musisch waren sie deutlich weiter entwickelt, als sämtliche europäischen Kulturen. Unter der Maurenherrschaft entwickelte sich in Südwesteuropa eine fortschrittliche pluralistische Gesellschaft, die andere Glaubens- und Lebensweisen in nie dagewesener Art akzeptierte und sich an ihnen befruchtete. So flossen schon damals viele arabische Worte in die romanische Umgangssprache ein, aus der später die Spanische und die Portugiesische Sprache hervorgehen würden. Latein wurde zunehmend zur Sprache für den Disput von Kirchengelehrten und die christliche Liturgie. Im elften Jahrhundert mussten sogar Konzilbeschlüsse für einen Teil des spanischen Klerus ins arabische übersetzt werden.

Denn auch vor klerikalen Kreisen machte die Vermischung der Kulturen keinen Halt, so waren Bischofsgewänder nicht selten im arabischen Stil hergestellt, in den Kathedralen durften Juden, Muslime und Christen gleichermaßen beten, Muslime brachten Christlichen Heiligen Opfer dar und selbst der spätere Papst Silvester II. vertiefte sich bei einer Reise, die er um 960 nach Katalonien unternahm, in die fortschrittliche islamische Wissenschaft, um diese später anderen Christen nahezubringen, was ihm leider weitestgehend misslang.

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Die Kathedrale von Córdoba, der früheren Moschee von Córdoba, herausragendes Beispiel für den arabischen Baustil im Al-Andalus.

Die maurischen Besatzer konnten auch deshalb so erfolgreich regieren, weil es von den christlichen Eliten zunächst kaum Widerstand gab, diese gingen flächendeckend von einer baldigen Apokalypse aus. Man glaubte, das Ende der Welt falle auf das Jahr 1000. Zunächst lehrten dies fanatische Wanderprediger, später wurde jedoch die nahende Apokalypse auch auf einem offiziellen Kirchenkonzil verkündet. Warum also hätte man sich auflehnen sollen gegen die arabische Herrschaft, die von vielen Glaubensgelehrten als weiteres Zeichen für den nahenden Weltuntergang gewertet wurde?

Als aber einzelne Gruppen aus unterschiedlichsten, meist persönlichen Gründen begannen, das weitgehend friedliche Miteinander der Religionen und Kulturen durch kriegerische Akte beenden zu wollen, begann die Vertreibung der Araber aus Europa, die sogenannte Reconquista, also die Rückeroberung Südwesteuropas durch das Christentum. Die Reconquista fing zunächst als eine Anhäufung unzusammenhängender Scharmützel an, erst als die römische Kirche den Arabern den offiziell Glaubenskrieg erklärte, nahm sie Schwung auf. Die Reconquista war wohl das erste kriegerische Ereignis, bei dem die Kirche behauptete, es sei dem Seelenheil zuträglich, im Kampf gegen Andersgläubige das Leben zu lassen. Jeder einfache Kämpfer wurde so in der christlichen Propaganda zum Märtyrer stilisiert.

In diesem Zusammenhang ist auch ein besonders cleverer propagandistischer Schachzug zu erwähnen: Die Erfindung des heiligen Jacobus (oder Santiago) als mythischer Schutzpatron der christlichen Reconquistadoren. Jacobus, ein Apostel Jesu, war im Jahr 44 nach Christus in Jerusalem zum Tode verurteilt worden. Er fand wohl auch in Jerusalem seine letzte Ruhe. Einige Quellen berichten jedoch von der Verfrachtung seiner sterblichen Überreste ins spanische Galizien, wo sie, so will es die Legende, welche wohl beeinflusst wurde durch kirchliche Meisterpropagandisten, um das Jahr 820 an Land gespült und wieder zum Leben erweckt wurden.

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Darstellung des Heiligen Jacobus in der Kathedrale von Kathedrale von Le Puy-en-Velay (13. Jahrhundert).

Von da an soll der heilige Jacobus immer dann mit flammendem Schwert im Kriegsgetümmel erschienen sein, wenn die christlichen Truppen einen Motivationsschub dringend nötig hatten. Die Propagandaschreiber erfanden sogar Schlachten, an denen Jacobus, der fortan den Ehrentitel „Matamoros“, Maurentöter, trug, teilgenommen haben soll. Weil jedoch gleich Dutzende von Kirchen für sich beanspruchten, die Gebeine des heiligen Jacobus zu besitzen, bedurfte es einer päpstlichen Erklärung, die sterblichen Überreste des Heiligen seien in Santiago de Compostela begraben, der Gemeinde, die später mittels Urkundenfälschung am stärksten zur Legendenbildung um den heiligen Jacobus beitragen würde. Bis heute pilgern deshalb unzählige Gläubige jedes Jahr auf dem Jakobsweg ins spanische Santiago de Compostela.

Als Mitte des elften Jahrhunderts die Päpste die Schirmherrschaft über die Reconquista übernahmen, hatte die Kirche mit dem Maurentöter Jacobus bereits das perfekte Idol für die spanischen Kämpfer geschaffen. Um weitere Freiwillige für den Kampf gegen die Araber zu gewinnen, sicherte die Kirche nun den Kämpfern der Reconquista auch noch den selben Sündenablass zu, wie den Teilnehmern an einer Wallfahrt zum Grab Jesu.

Es war das erste Mal in der Geschichte der Christenheit, dass die Tötung Andersgläubiger gleichgesetzt wurde mit einer Wallfahrt. Die Auswirkungen dieser Gleichsetzung sind dabei nicht zu unterschätzen: Plötzlich war es nach der Kirchenlehre jedem Gewalttäter möglich, sein Seelenheil aufzubessern, indem er im Namen Jesu Christi sein Schwert zückte. Daraus folgte in vielen Fällen eine religiöse Besessenheit, die von der Devise ausging, viele getötete Feinde bedeuteten viel himmlische Ehre. Die so entstandene Geisteshaltung führte ultimativ zur Idee des ersten Eroberungskrieges im Namen des christlichen Glaubens und damit zum ersten Kreuzzug, dem mindestens acht weitere folgen würden.

Das friedliche Miteinander der Religionen endete so jedenfalls allmählich, ein ähnlich friedfertiges Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen würde es lange Zeit nicht mehr geben, man könnte sogar argumentieren, bis heute hätten wir den Stand des kulturellen Miteinanders, der zur Zeit der arabischen Besatzung Südwesteuropas herrschte, nicht wieder erreicht. Eines sollte aber gewiss sein, wer heute brüllt, der Islam gehöre nicht zu Europa, der leugnet oder ignoriert wichtige Teile der europäischen Kulturgeschichte.

Kapitel II: „Gott will es!“ – Ein Papst ruft zum Krieg im Namen Gottes auf.

Der Beginn der historischen Kreuzzugsepoche lässt sich chronologisch so genau bestimmen, wie kaum ein anderes Ereignis des Mittelalters: Papst Urban II., seinerzeit in Konkurrenz mit dem kaiserlich erwählten Gegenpapst Clemens III. stehend, rief am 27. November 1095 auf einem Acker vor der französischen Stadt Clermont in der Auvergne dazu auf, den Christen im Osten zu Hilfe zu kommen, nachdem er Augenzeugenberichten zufolge deren Leiden äußerst eindrücklich beschrieben hatte. Er reagierte damit auf den Hilfsappell des byzantinischen Kaisers Alexios I. Komnenos, dessen Kirchenbann er nur sechs Jahre zuvor aufgehoben hatte.

Der Aufruf fand im Rahmen des Konzils von Clermont statt, scheinbar ohne vorherige Ankündigung, denn auf dem entsprechenden Tagesplan findet sich keinen Hinweis auf einen derart wichtigen päpstlichen Appell, was von Historikern jedoch als Tarnung aufgefasst wird, denn Urban hatte offenbar schon im Vorfeld mit zahlreichen französischen Adligen und geistlichen Würdenträgern verhandelt.

Überliefert ist vom päpstlichen Aufruf zum „Kreuzzug gegen die Ungläubigen“ am zehnten Tag des Konzils von Clermont, der etwa 53.jährige Pontifex habe die „Kraft eines Vierzigjährigen“ besessen und seine „tönende Stimme“ sei „über das gesamte Feld von Tausenden von Leuten gehört“ worden. Der Historiker und Templerexperte Dr. Manfred Barthel geht allerdings davon aus, dass Urban II. ein Mittel zuhilfe nahm, wie es bei vielen mittelalterlichen Großveranstaltungen genutzt wurde: Laut Barthel wurden vermutlich Benediktinermönche auf dem Feld verteilt, die den Menschen jeweils zu riefen, was der Papst sagte. Diese seien demnach vielleicht sogar auf die Kernsätze der Predigt eingeschworen worden, um den Effekt zu verbessern.

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Denkmal für Papst Urban II. in Clermont, wo er erstmals zum Kreuzzug rief.

Wie genau der Appell Urbans II. lautete lässt sich heute kaum noch nachvollziehen. So existieren vier verschiedene Überlieferungen, die jedoch alle nicht von Ohrenzeugen stammen, erst deutlich später niedergeschrieben und propagandistisch verfärbt wurden. Emblematisch wurde jedoch die Phrase „Gott will es!“, die fortan das gesamte christliche Abendland zur Teilnahme am ersten Kreuzzug befeuerte, obwohl der Papst sie nie ausgesprochen hatte. Eine absolute Erklärung für die unlogische Begeisterung hunderttausender militärisch meist unerfahrener Menschen, in einem unbekannten Land, tausende Kilometer entfernt Tod und Seelenheil zu suchen gibt es bis heute nicht. Hier dürften neben den Worten des Papstes und der Wanderprediger, die diese weiter verbreiteten, unzählige andere Faktoren eine Rolle gespielt haben.

Kaum bedacht wurde auch, dass die militärischen Kenntnisse der europäischen Feldherren kaum für mehr als die Eroberung einer Burg oder Stadt ausreichten. Wer dieses Problem aber bedachte, schwieg mehrheitlich aus bisher ungeklärten Gründen. Die Rolle des Papstes als höchste moralische Instanz, die zum Feldzug gegen die Ungläubigen gerufen hatte, dürfte aber dazu beigetragen haben.

Auch die Verbreitung der Hilfegesuche des oströmischen Kaisers Alexios I., die von Verlockungen nur so strotzten – der Papst selbst konnte ja schlecht mit der Aussicht auf profane Reichtümer werben, dürfte ihren Teil zum Kreuzzugsfieber beigetragen haben. In diesem Zusammenhang sei insbesondere ein Auszug aus einem Brief des Kaisers an den Grafen Robert von Flandern, in dem er diesen um seine Mithilfe gegen die Seldschuken bittet, erwähnt:

„Wenn Dir all dieser Ruhm nicht genügen sollte, bedenke, welche Schätze Du vorfinden wirst und dazu die schönsten Frauen des Orients. Die unvergleichliche Schönheit der griechischen Frauen sollte ausreichen, um die Heere der Franken nach den Ebenen Thrakiens zu locken!“ – Kaiser Alexios I. Komnenos an Robert Graf von Flandern.

Hintergrund des Briefes, wie auch des Hilfegesuchs an den Papst, war, dass sich der oströmische Kaiser in erster Linie Hilfe gegen die fanatischen Seldschuken erhoffte, die Anatolien, das byzantinische Kernland, in Beschlag hielten und sich dabei deutlich intoleranter gegenüber Christen zeigten, als die Araber auf der iberischen Halbinsel.

Um allerdings Papst Urban von dem Feldzug zu überzeugen bediente sich der Kaiser eines weiteren propagandistischen Tricks: Auf einem Konzil in der italienischen Stadt Piacenza ließ er im März 1095 dem Pontifex durch kaiserliche Gesandte die verzweifelte Lage des byzantinischen Reiches Klagen. Er ließ seine gesandten dabei allerdings von der Hilfe für Jerusalem sprechen, schließlich war ihm bewusst, dass Rom nicht an einem Wiedererstarken von Byzanz gelegen war.

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Darstellung von Alexios I. Komnenos aus einem griechischen Manuskript des 12. Jahrhunderts.

Jerusalem war zu diesem Zeitpunkt seit über 460 Jahren in der Hand von Muslimen, denen jedoch daran gelegen war, mit Juden und Christen friedlich zusammen zu leben, schon um die Handelsbeziehungen nicht zu stören. Schließlich war Jerusalem das Hauptziel christlicher Wallfahrer, von denen in der Stadt, die so gar nicht fromm und heilig, sondern eher wie der reinste Sündenpfuhl, gewirkt haben musste, zahlreiche Kräfte profitierten.

Dass dem päpstlichen Aufruf, die heilige Stadt zu „befreien“ schließlich Menschen aller Stände und aus ganz Europa folgen würden, hätte wohl kaum jemand geglaubt. Ob Papst Urban II. selbst ahnte, was er auslösen würde bleibt ein Geheimnis der Geschichte. Klar ist allerdings, dass seine Vorbereitungen ebenso akribisch waren, wie seine Propaganda perfide war. Der Ausruf „Gott will es!“, den Urban selbst wohl nie sagte, wurde zum Fanal der Kreuzzugsbewegung.

Urban II. hielt seine Kreuzzugspredigten, die eigentlich die reinste, von Hasstiraden durchzogene, Kriegshetze waren, in der Folgezeit noch viele Male. Es war sein Krieg, den der Pontifex in Reden, die weiter vom christlichen Gebot der Nächstenliebe kaum hätten entfernt sein können, propagierte. Seine Predigten schloss er dabei immer mit den Worten: „Jeder möge sich selbst verleugnen und sein Kreuz auf sich nehmen, auf das er Christus gewinne!“ Im Besonderen seinen Hetzpredigten ist es zu verdanken, dass über mindestens zwei Jahrhunderte hinweg in der europäischen Vorstellungswelt das christliche Kreuz untrennbar mit dem Schwert verbunden war.

Besonders perfide aber war die Suggestion Urbans, der Teilnahme am Kreuzzug käme die selbe Heilswirkung zu, wie einer Jerusalem-Wallfahrt. Zwar sprach er dabei im Gegensatz zu Papst Gregor, der den Reconquista-Kämpfern die Absolution versprochen hatte, nie von der totalen Sündenvergebung, jedoch hörte, wie so oft in der Geschichte jeder was er wollte. Urban dagegen verkündigte nur eine Tilgung der gebeichteten Sünden durch die Teilnahme am Kreuzzug. Was freilich die zungenfertigen Propagandisten, die seinen Aufruf durch Europa trugen, nicht davon abhielt, ihn möglichst verlockend umzuinterpretieren.

Schließlich hatten jedenfalls die Bemühungen des Papstes und seines Propagandaapparates durchschlagenden Erfolg: In ganz Europa nahmen Adlige, Bauern, Bettler, Abenteurer, Tagelöhner, Handwerker und Gesindel „das Kreuz“. Einige von ihnen sicher, um ihre Sünden vergeben zu bekommen, viele wohl auch in der Hoffnung, reiche Beute zu machen. „Kriegführen“ war im Mittelalter schließlich schon fast ein Synonym für „Plündern.“

Kapitel III: Der erste Kreuzzug, und seine Folgen.

Die klerikale Rechtfertigung für den ersten Feldzug im Namen des Christentums und die spätere Begründung einer christlichen Ritterschaft fand sich in den Schriften des Kirchenvaters Augustinus (†430), der zwar den Krieg grundsätzlich abgelehnt hatte, aber die Existenz eines „gerechten Krieges“ angenommen hatte. Ein solcher Krieg musste laut Augustinus vier zentrale Voraussetzungen erfüllen: Sie bedurften einer legitimen Autorität, die den Krieg erklärte, eines gerechten Grundes (etwa der Verteidigung des eigenen Landes oder die Rückgewinnung verlorenen Gutes) sowie eines angemessenen Vorgehens. Ein „gerechter Krieg“ konnte dem Kirchenvater zufolge des Weiteren nur erklärt werden, wenn friedliche Alternativen fehlten oder versagt hatten. Daneben ging Augustinus auch von Kriegen aus, die mit göttlicher Autorität geführt wurden und dementsprechend immer gerecht wären. Er nahm an, alle Kriege, gerechte wie ungerechte, sollten im Grunde der Herstellung des Friedens dienen, wenn auch unter unterschiedlichen Vorzeichen. Während die augustinische Lehre von gerechten Krieg lange kaum eine Rolle spielte, schlug schließlich in der Kreuzzugsepoche ihre Stunde.

Die augustinische Lehre und die Heilsversprechen der Kreuzzugspropagandisten im Rücken machten sich die Kreuzfahrer des ersten Kreuzzugs in drei Wellen zur Eroberung des heiligen Landes auf, wobei die erste Welle aus eher unorganisierten Scharen von Kämpfern aus allen Schichten bestand, die dem Aufruf fast unmittelbar folgten. Sie zogen durch den Donauraum und über den Balkan nach Byzanz, plünderten und bedrängten die Einwohner der Region, wurden aber letztlich durch die Seldschuken in Kleinasien völlig aufgerieben.

Ein anderes Kaliber stellte da schon die zweite Welle der Kreuzfahrer dar, die aus verschiedenen, von Fürsten und Rittern aus Frankreich, Flandern und Süditalien angeführten, deutlich professionelleren Kontingenten bestanden. Diese Kontingente erreichten Konstantinopel ab Ende 1096, konnten mit byzantinischer Hilfe die Seldschuken zweimal schlagen und trafen  im Oktober 1097 bei Antiochia ein. Sieben Monate Später war die Stadt eingenommen, allerdings machte sich das Heer aufgrund interner Konflikte erst Anfang 1099 wieder gen Süden auf, um schließlich am 15. Juli 1099, trotz häufiger Rückschläge, Jerusalem zu erobern. Infolge der Eroberung Jerusalems wurden vier unabhängige Kreuzfahrerstaaten gegründet: Das Königreich Jerusalem, die Grafschaften Tripolis und Edessa sowie das Fürstentum Antiochia.

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Die Krönung von König Balduin I. von Jerusalem. Darstellung aus „la histoire de l’outremer“ (13. Jahrhundert).

Weil die dritte Welle, die dem Aufruf Urbans II. gefolgt war, jedoch das Heilige Land nie erreichte, konnten die Territorien erst durch einen langwierigen Prozess stabilisiert werden. Das dritte Heer brach im Jahr 1100 auf wurde jedoch ein Jahr später von den Seldschuken vernichtend geschlagen und löste sich vollständig auf.

Obwohl die Kreuzfahrerstaaten in nicht unbeträchtlichem Ausmaß wirtschaftlich vom Westen abhängig waren, kam es dort doch zu einem gewissen Herrschafts- und Landesausbau. Nachdem der erste König von Jerusalem, Balduin I. schließlich zwischen 1100 und 1118 die Golanhöhen sowie einige transjordanische Gebiete eroberte und einen Friedensvertrag mit dem Emirat von Damaskus schloss, konnten die Kreuzfahrerstaaten ihre Ausdehnung bis ins Jahr 1144 beibehalten, dem Jahr, in dem die Grafschaft Edessa auch aufgrund interner Konflikte der Kreuzfahrerstaaten untereinander, durch Emir Zengi von Mossul erobert wurde. Dieses Ereignis führte sodann zum zweiten Kreuzzug.

Kapitel IV: Ritterschaft zum Schutz der Pilgerpfade.

Wenngleich es nach 1101 zunächst keine größeren Unternehmungen mehr gab, fanden sich doch immer wieder kleinere Gruppen von Kreuzfahrern und Pilgern, die das Heilige Land auf dem Seeweg erreichten und sich meist zuerst gen Jerusalem zum Besuch der heiligen Stätten wandten, in den Kreuzfahrerstaaten ein. Beim Unterfangen, die Pilgerstätten zu erreichen waren sie jedoch stets von Überfällen bedroht, immer wieder berichteten Pilger von der Unsicherheit der Reisen im Heiligen Land.

Zu einem besonders schweren Überfall kam es zu Ostern 1119, als eine große Gruppe von über 700 Pilgern zwischen Jerusalem und dem Jordantal angegriffen wurde. Sie waren unbewaffnet und durch Fasten und Reisestrapazen zusätzlich geschwächt. In einer abgelegenen Gegend geriet die Gruppe in einen Hinterhalt, wobei 300 Pilger getötet wurden und 60 in Gefangenschaft gerieten. Es war wohl solche Ereignisse, die zur Gründung des ersten christlichen Ritterordens, zunächst als Miliz zur Sicherung der Pilgerwege, führte.

Drei verschiedene Jahreszahlen nennen dabei die Chronisten für die Gründung der Miliz: 1118, 1119 und 1120. Bis heute ist ungewiss, welches Jahr das richtige ist, geht man jedoch davon aus, dass das „Ostermassaker“ den Anreiz zur Gründung der Miliz gab, so lässt sich das erstgenannte Jahr 1118 wohl ausschließen. Allerdings ist nicht vollständig gesichert, dass es dieses Ereignis war, dass zur Bildung der Ritterschaft führte.

Als gesichert gilt, dass sich im Heiligen Land neun französische Ritter um die Adligen Hugo de Payns und Geoffroi de Saint-Omer sammelten, die es sich auferlegten, auf den Pilgerpfaden für Sicherheit zu sorgen. Aufgrund ihrer kleinen Zahl wurden sie jedoch in den ersten Jahren kaum aktiv.

Diese Gemeinschaft von Rittern, die sich später Tempelritter nennen würden, vereinte erstmals die Gelöbnisse des Mönchstums mit den Idealen der Ritterschaft. Gleichsam waren sie die erste christliche Gemeinschaft, in deren Satzungen die Verteidigung von Pilgern mit Waffen erwähnt wurde. Zwar hatte sich in Jerusalem schon zuvor die Bruderschaft der Hospitaliter, der spätere Johanniterorden, gegründet, diese hatte jedoch zunächst keine kämpferischen Ambitionen, sondern kümmerte sich satzungsgemäß um Kranke und Verletzte, und stellte Pilgerherbergen zur Verfügung, als Schutztruppe für Reisende sah sie sich zunächst nicht.

Die Miliz um Hugo de Payns und Geoffroi de Saint-Omer nannte sich zunächst „Arme Ritterschaft Christi“, änderte ihren Namen jedoch in „Arme Ritterschaft Christi vom salomonischen Tempel“, nachdem sie vom zweiten König Jerusalems, Balduin II. Gemächer in der Al-Aqsa-Moschee, die dem König damals als Palast diente, und von der die Christen (fälschlicherweise) glaubten, sie stünde dort, wo einst der Tempel des biblischen König Salomon gestanden hatte.

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Balduin II. übergibt seinen Palast, die Al-Aqsa-Moschee an Hugo de Payns und Geoffroi de Saint-Omer. Darstellung aus dem 13. Jahrhundert. Die vierte Person ist Warmund, der Patriarch von Jerusalem.

Zwar scheint die Gemeinschaft, wohl auch mittels adliger Familienbande, früh zu einer gewissen Prominenz und Vermögen gekommen zu sein, als Orden jedoch durften sich die Ritter zunächst nicht bezeichnen. Dazu bedurfte es der Anerkennung durch die Kirche, weshalb König Balduin II., der schnell zum wichtigsten Gönner der Bruderschaft avancierte, sich mit dem einflussreichsten Kirchenvertreter seiner Zeit in Verbindung setzte, der nicht der damalige Papst Honorius III., sondern der reformistische Zisterzienserabt Bernhard de Clairvaux, war.

In einem Brief an den Abt schreibt König Balduin II. folgendes:

„Die Tempelbrüder, die Gott berufen hat zur Verteidigung Unseres Landes und denen er besonderen Schutz gewährt hat, wünschen apostolische Approbation und ihre eigenen Ordensregeln zu erhalten […] Die Ordensregel der Templer möge so sein. dass sie für Männer passend ist, die in den Wirren des Krieges leben, und doch auch wiederum so, dass sie für die christlichen Fürsten, die für den Orden wertvolle Verbündete sind, annehmbar ist. Soweit es an Dir liegt, und soweit es Gott gefällt, führe diese Sache zu einem schnellen und glücklichen Ausgang.“ – Balduin II. an Bernhard von Clairvaux.

Da eine christliche Streitmacht gut in seine christlichen Reformbestrebungen passte, aber wohl auch weil er Hugo de Payns, der wie Bernhard aus der Champagne stammte, persönlich kannte, machte der einflussreiche Abt die Bestrebungen Balduins II., den Templern den Status (und die damit einhergehenden Privilegien) eines christlichen Ordens zu verschaffen, zu seiner eigenen Sache. Im Vertrauen auf die Unterstützung des Reformers reisten deshalb Ende 1127 Hugo de Payns und Gottfried de Saint-Omer in die Champagne.

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Al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg. Erbaut im 8. Jahrhundert, diente die Moschee zwischenzeitlich den Königen von Jerusalem als Palast und den Tempelrittern als Hauptquartier.

Lesen Sie ab dem kommenden Donnerstag, den 14. Juli 2016 den zweiten Teil der Serie „Milites Templi“ mit dem Titel „Wie die Templer zum Orden wurden“.

Kirchen Erzielen Rekordeinnahmen – Zeit mal über die Kirchensteuer nachzudenken.

Die christlichen Kirchen in Deutschland haben im vergangenen Jahr offenbar Rekordeinkünfte erzielt. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes erreichten die Kirchensteuereinnahmen 2015 trotz deutlich sinkender Mitgliederzahlen mit rund 11,5 Milliarden Euro einen neuen Rekord.

Den Angaben des Statistischen Bundesamtes folgend, nahm die katholischen Kirche rund 6,1 Milliarden Euro ein, die evangelische Kirche erhielt über 5,4 Milliarden Euro. Das entspricht Mehreinnahmen von 690 Millionen Euro. Der Hauptgrund für den Einnahmerekord liegt in der guten Entwicklung der Löhne, wodurch auch mehr Kirchensteuer gezahlt werden musste.

Zeit also, sich wieder einmal Gedanken über die Kirchensteuer zu machen: Wie kann es eigentlich sein, dass in einem angeblich säkularen demokratischen Land noch immer der Staat die Einnahmen der Kirchen übernimmt? Die Kirchen dürften in Deutschland die einzigen Wirtschaftssubjekte darstellen, denen tatsächlich ein bedingungsloses Grundeinkommen zuteil wird, denn prinzipiell müssten sie nichts für diesen Geldsegen tun. Die Transferleistungen an die „Staatskirchen“ gehen aber über die reine Kirchensteuer weit hinaus: Hinzu kommen noch die Gehälter zahlreicher Kirchenangestellten, die aus öffentlichen Haushalten bezahlt werden, Zuschüsse zur Denkmal- und Kulturpflege sowie jährlich insgesamt 480 Millionen Euro als „Entschädigung für die Enteignung der Kirchen im Zuge der napoleonischen Kriege“.

Weiterhin gehen dem Staat jährlich große Summen (im Jahr 2014 etwa 3,38 Milliarden Euro, was faszinierenderweise sehr genau den Kosten der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 entsprach) dadurch verloren, dass die Kirchensteuer zusätzlich von der Einkommenssteuer absetzbar ist (was schon als Konzept abstrus ist).

Die Frage, inwieweit diese Zahlungen an bestimmte Amtskirchen gerechtfertigt sind, ist untrennbar verbunden mit der Frage, was staatliche Aufgaben in einem säkularen Staatssystem sind. Erfüllen Kirchen bestimmte Aufgaben für den Staat, so haben sie ein Recht auf Gelder aus Bundeshaushalten, die Entscheidung über eine zweckgebundene Verteilung müsste dann jedoch bei der Legislative liegen. Käme man hingegen zum Schluss, dass Kirchen keine staatlichen Aufgaben erfüllen, so hätten diese auch kein Recht Steuern einzuziehen. Es ist unsere Überzeugung, dass die Kirchensteuer eine antisäkulare Einrichtung und damit einer modernen Demokratie unwürdig ist, es ist deshalb Zeit, sie durch ein zeitgemäßeres System zu ersetzen.

Wir haben mal ein grobes Konzept eines Vorschlags vorbereitet.