Gericht verhindert Kontakt zwischen jüdisch-orthodoxen Kindern und Transgender-Elternteil – aus religiösen Gründen.

Manchester (Großbritannien). Ein Gericht im englischen Manchester hat beschlossen, einer Transgender-Frau den direkten Umgang mit ihren fünf Kindern zu verbieten, weil dies unvereinbar mit dem ultra-orthodox jüdischen Hintergrund ihrer Exfrau sei.

Das von Richter Peter Jackson gesprochene Urteil folgte einem zwölfmonatigen Rechtsstreit der Eltern um das Umgangsrecht mit den Kindern. Im Kern ging es darum, dass dem Transgender-Elternteil, der nun als Frau lebt und zuvor die orthodox-jüdische Gemeinschaft verlassen hatte, durch die Mutter der gemeinsamen Kinder der direkten Umgang diesen verwehrt wurde.

Die Anwälte der Mutter hatten argumentiert, dass die Kinder von der charedischen Gemeinschaft geächtet würden und damit kein normales Leben aufgrund ihres Kontakts mit einem Transgender-Elternteil leben könnten – inwieweit allerdings ein Leben in einer regressiv-religiösen Gemeinschaft, die nach Regeln aus dem 19ten Jahrhundert lebt, im 21ten Jahrhundert „normal“ ist, hinterfragten sie nicht. Obgleich orthodoxe Rabbis, die im Namen der Transgender-Frau handelten, vor Gericht erklärten, dass im Judentum Transgender-Personen nicht in dieser Weise bestraft werden dürften, beschloss Richter Jackson, das „Risiko“, dass „diese Kinder und ihre Mutter von ihrer Gemeinschaft ausgestoßen würden, wenn die Kinder persönlichen Kontakt mit ihrem Vater hätten“ sei zu groß, um persönlichen Umgang zu erlauben.

„Die profunden Konsequenzen einer möglichen Kontaktanordnung für das Kindeswohl abwägend habe ich die unliebsame Entscheidung getroffen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder oder die Mutter durch die ulta-orthodoxe Gemeinde marginalisiert oder ausgeschlossen werden, so real ist – und die Konsequenzen so bedeutend, dass dieser eine Faktor – trotz der vielen Nachteile – die vielen Vorteile des Kontakts überwiegt,“ so Richter Jackson weiter. „Deshalb beschließe ich mit echtem Bedauern, wissend, wie viel Schmerz es bereiten muss, dass der Antrag des Vaters auf direkten Umgang abgelehnt werden muss.“ Die Worte gingen dem Richter, so berichten Beobachter, sichtlich schwer über die Lippen – zu Recht, musste er doch, zum Wohl der Kinder, beschließen, dass sie ihren Vater, der sich ihnen gegenüber nie etwas zu Schulden kommen ließ, nicht mehr sehen dürfen, weil ihre Religion es verbietet.

Der Transgender-Frau wurde stattdessen erlaubt, ihre Kinder vier mal im Jahr per Brief zu kontaktieren – ein sehr schwacher Trost, wie man annehmen darf.

Richy Thompson, Kampagnenmanager der „British Humanist Association“ sagte der britischen Zeitung „The Independent“, die Entscheidung sei „extrem traurig“ vor dem Hintergrund des Fortschritts, der bei den Rechten von Transgender-Personen gemacht wurde. „In einer Zeit, in der sich die Gesellschaft in Richtung viel inklusiverer Ansichten gegenüber Trans-Personen und deren grundlegender Rechte bewegt, ist es sehr bedauerlich, dass eine religiöse Gemeinschaft solch diskriminierende Ansichten beibehalten kann, und damit droht, Kinder aufgrund der Gender-Identität eines Elternteils zu ächten, und dass wir sogar mit Familienrichtern konfrontiert werden, die solche Urteile sprechen wie dieses,“ erklärte er.

Der Fall zeigt eindrücklich, in welch fundamentalem Widerspruch zur modernen Realität sich regressive religiöse Gruppen wie das charedische Judentum befinden. Werden sie mit äußeren Einflüssen konfrontiert, die nicht in ihr Weltbild passen, ergeben sich für die Anhänger solcher Gruppen schwerwiegende Folgen. So ist kaum nachvollziehbar, wie die betroffene Trans-Frau mit sich gekämpft haben muss, ehe sie ihre ultra-orthodoxe Gemeinschaft verließ, um als Frau leben zu können.

Am Ende steht ein Gerichtsurteil, dass ambivalent zu betrachten ist: Einerseits hätte die Ächtung der Kinder durch die regressive Gemeinschaft – die von einigen Menschenrechtlern als Sekte bezeichnet wird -, in der sie sich bewegen, schwere psychologische Folgen, andererseits haben die Kinder – solange sich nicht auch die Mutter von der charedischen Gemeinschaft löst, kaum eine Chance auf ein modernes Leben, auf eine weltoffene Erziehung und wissenschaftlich-säkulare Bildung. Außerdem bleibt der fade Beigeschmack, dass hier einem Elternteil aus religiösen Gründen der Umgang mit den leiblichen Kindern untersagt wird.

Charedische Gemeinschaften entstanden im 19. Jahrhundert als Reaktion auf die Säkularisierung des Judentum und die Emanzipationsbestrebungen der Juden in Mittel- und Osteuropa. Insgesamt gibt es weltweit etwa 1,3 bis 1,5 Millionen charedische Juden, die sich an die ultra-orthodoxe Auslegung ihrer Religion halten und den Kontakt mit der säkularen Welt stark beschränken. Die meisten von ihnen – 700.000 – leben in Israel, die meisten charedischen Juden in Europa – etwa 47.000 – leben in England.


Weiterführende Quelle:
British and Irish Legal Information Institute – Urteil und Prozessprotokoll.

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Höcke redet wie Hitler – Öffentlichkeit verurteilt Rede des AfD-Einpeitschers.

Dresden. „Ich zeige euch den langen entbehrungsreichen Weg zum absoluten Sieg!“ Ein Satz, der so fast ebenso 1939 aus den Mündern zahlreicher Nazi-Kriegseinpeitscher donnerte, ein Satz, der beinahe wörtlich aus dem Propaganda-Repertoire von Adolf Hitler und Joseph Göbbels stammt. Am Dienstagabend war es der AfD-Spitzenpolitiker Björn Höcke, der ihn seiner – applaudierenden – Gefolgschaft in Dresden entgegen schmetterte.

„Die AfD braucht den absoluten Sieg,“ so Höcke weiter. Datum und entlehnte Kampfparole sind dabei nicht zufällig gewählt, hat doch am selben Tag das Bundesverfassungsgericht die Neonazi-Partei NPD für verfassungsfeindlich erklärt, aber nicht verboten. Einmal mehr beweist die AfD damit, dass sie fähig ist, rechtsextremen Pathos und Selbstviktimisierung für ihre Propaganda zu instrumentalisieren. Die NPD mag marginalisiert sein und keine politische Rolle mehr spielen, doch Höcke macht klar: Ihre Anhänger sind bei der AfD mehr als willkommen.

„Ich möchte, dass ihr euch im Dienst am Vaterland verzehrt!“ – Björn Höcke bedient sich bewusst der faschistischen Propagandasprache der Nazis.

Er machte dabei auch nicht vor denen Halt, die seit Langem über ein verlorenes nationales Selbstbewusstsein jammern, wenn er hinzufügte: „Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande ins Herz der Hauptstadt gepflanzt hat.“ Womit der Thüringer AfD-Sprecher nicht nur die Opfer des Nationalsozialismus verhöhnte, sondern womit er auch faktisch unrecht hat: Deutschland ist nicht das einzige Land, das Mahnmale errichtete, um den dunkleren Zeiten in seiner Geschichte zu gedenken, auch anderswo ist solche Erinnerungskultur durchaus üblich.

Besonders sauer stieß außerdem auf, wie offen sich Höcke mit seiner Tirade insbesondere Holocaust-Gegnern anbiederte. Aus diesem Grund stellte der Bundestagsabgeordnete Diether Dehm (Linke) am Mittwoch gegen den AfD-Politiker Strafanzeige wegen Volksverhetzung gestellt. „Am Tag der traurigen Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zeigt Höcke, offensichtlich ermuntert, wo Geschichtsrevisionisten und rechtsextreme Chauvinisten ihr neues Zuhause finden sollen: Bei der AfD“, erklärte Dehm dazu. Der Strafantrag dürfte allerdings kaum Aussicht auf Erfolg haben, weil sich Höcke mit seinen Provokationen bewusst unter der strafrechtlichen Schwelle bewegte. Wichtiger ist da die öffentliche Ächtung seiner Aussagen.

Rhetorische Nähe zum Nationalsozialismus bescheinigt auch der sächsische Grünen-Chef Jürgen Kasek der Höcke-Rede. Der AfD-Politiker habe sich demnach „“im Stil des Nationalsozialismus'“ verfassungsfeindlich geäußert. Weshalb er auch nicht mehr nur verharmlosend als Rechtspopulist zu bezeichnen sei.

Entsetzt äußerte sich Vizekanzler Sigmar Gabriel über Höckes Äußerungen. Ihm sei es den „kalt den Rücken runtergelaufen“, als er sich die Rede des AfD-Politikers im Internet angesehen habe, schrieb der SPD-Chef auf Facebook. Er wisse zwar, dass die AfD gezielt Aufmerksamkeit mit Provokationen erzeuge, und man solle deshalb nicht „über jedes Stöckchen springen“, das die rechte Partei hinhalte, allerdings gehe es bei den jüngsten Aussagen des AfD-Politikers nicht um „irgendeine Provokation“, sondern um die generelle Frage, wie Deutschland mit seiner Geschichte umgehen solle. Im Gegensatz zu Höcke, der unterstellt, die deutsche Erinnerungskultur „mache uns klein“, beharrt Gabriel auf dem Gegenteil: Dass sich die Deutschen ihrer Vergangenheit gestellt hätten, sei Voraussetzung für weltweiten Respekt. „Nie, niemals dürfen wir die Demagogie eines Björn Höcke unwidersprochen lassen.“ Er hat Recht damit! 

Kritisch zu Höckes Rede äußerte sich neben zahlreichen Politikern, Historikern und Journalisten auch der Zentralrat der Juden. Die jüngsten Äußerungen seien demnach „zutiefst empörend und völlig inakzeptabel“. Mit seinen Äußerungen relativiere Höcke das schwerste und in dem Ausmaß einzigartige Menschheitsverbrechen, sagte Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats. Höcke trete das Andenken an die sechs Millionen ermordeten Juden mit Füßen. „Die AfD zeigt mit diesen antisemitischen und in höchstem Maße menschenfeindlichen Worten ihr wahres Gesicht“, erklärte Schuster weiter. „Dass 70 Jahre nach der Shoa (der von Juden bevorzugte Begriff für den Holocaust) solche Aussagen eines Politikers in Deutschland möglich sind, hätte ich nicht zu glauben gewagt“.

Betrachtet man, wohin uns der bisherige Umgang mit der AfD, die falsche politische Korrektheit und Verständniskultur gegenüber der extremen Rechten geführt hat – an einen Punkt, an dem ein Rechtsideologe wie Björn Höcke völlig ungeniert das Andenken der Millionen Opfer des größten Menschheitsverbrechens der Geschichte und der Widerstandsbewegungen im dritten Reich in den Dreck ziehen kann -, dann zeigt sich doch ultimativ auch, dass wir als Linke wieder selbstbewusster und kämpferischer werden müssen. Keinen Fußbreit den Faschisten! Wir müssen – auch und vor allem – öffentlich einen Neonazi wieder als solchen bezeichnen, wir müssen klar machen, dass die AfD trotz ihres neoliberal-bürgerlichen Anstrichs eine ebenso schmuddelig rechtsextreme Partei ist wie die NPD! Neonazis wie Björn Höcke dürfen sich nicht mehr hinter der „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“-Fassade verstecken können, es muss deutlich gemacht werden: „Nein, das kann man nicht so sagen!“

Erwähnenswert ist übrigens, dass das Holocaust-Mahnmahl in Berlin nahe des Brandenburger Tors eine der am meisten besuchten Sehenswürdigkeiten in der Hauptstadt ist, täglich besuchen es tausende, hunderte fotografieren es.


Anmerkung der Redaktion: Mittlerweile haben sich mit Frauke Petry und Marcus Pretzell wenigstens zwei AfD-Funktionäre pflichtbewusst von Höcke distanziert. Er sei eine „Belastung“ geworden, so Petry in der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“.

Das die Rede Konsequenzen hat, darf allerdings bezweifelt werden, schließlich braucht man die Provokationen durch Agitatoren wie Beatrix von Storch, André Poggenburg und Björn Höcke, um im Gespräch zu bleiben.

Wenn die AfD-Spitze beweisen will, dass sie nicht hinter den hetzerischen Äußerungen des thüringischen Landessprechers steht, dann genügen halbherzige Distanzierungserklärungen in der rechten Presse nicht!

Milites Templi – Zweiter Teil: Wie die Templer zum Orden wurden.

ACHTUNG: Der dritte Teil der Serie musste verschoben werden – er wird vorraussichtlich am Samstag erscheinen!

Dies ist der zweite Teil der Serie „Milites Templi“. Lesen Sie hier den ersten Teil der Serie.


„Non nobis Domine, non nobis, sed nomini tuo da gloriam!“ – Psalm 115,1; Motto der Templer.

Kapitel V: Die Reise des ersten Meisters und die Synode von Troyes.

Um als geistlicher Orden Anerkennung zu finden brauchte die Ritterschaft einer durch den Papst bestätigten Regel, um diese zu erhalten reisten die Gründer der Tempelritter, Hugo de Payns und Gottfried de Saint-Omer Ende 1127 (unter Umständen auch erst 1128) in die Champagne. Zu diesem Zeitpunkt war wohl die Ritterschaft schon ein Stück angewachsen, denn den Aufzeichnungen zufolge reisten die beiden Ritter gemeinsam mit vier weiteren Ritterbrüdern in einer Gesandtschaft Balduins II. zu einem ihrer frühesten Förderer, des Grafen Fulk V. von Anjou, der später zum dritten König des Kreuzfahrerstaates Jerusalem aufsteigen würde. Ziel dieser Gesandtschaft war es vor allem, den Grafen, der schon früher im heiligen Land und 1120/21 auch bei den Templern war, als Nachfolger des kinderlosen Balduin II. zurück nach Outremer zu holen.

Outremer
Die Kreuzfahrerstaaten, das „Outremer“ um 1135.

Wobei es als äußerst unwahrscheinlich zu bewerten ist, dass im heiligen Land nur drei Ritter zurückblieben. Wahrscheinlicher ist, dass sich schon bald, vielleicht sogar unmittelbar nach der Zusammenkunft der Ritterschaft weitere Mitglieder zu den neun Gründungsrittern gesellten, diese These wird unterstützt vom Bericht Michaels des Syrers, der von einer Gruppe von 30 Rittern spricht, die sich gegenüber König Balduin I. zum Kriegsdienst verpflichteten.

Hugos Reise in die Champagne war jedoch sicher auch der Versuch, den Templern die nötige Anzahl an Rittern und materielle Basis für größere Unternehmungen zu verschaffen. Denn auch wenn das Hauptziel der Gesandtschaft die „Rekrutierung“ Fulks V. als Erbe Jerusalems war, so ging es doch erklärtermaßen auch um die Gewinnung personellen Nachschubs für das heilige Land, weshalb es nur logisch war, dass Hugo sie auch als Werbereise für die junge Rittergemeinschaft nutzte.

Aus diesem Grund begab er sich mit seiner Gefolgschaft zunächst nach Nordfrankreich, wo die Besitzungen der Ritterbrüder lagen, die an die Gemeinschaft übergehen sollten, wofür diese jedoch die Erlaubnis der jeweiligen Landesherren benötigte. Erste Erfolge konnte der Adlige dort bereits im Herbst 1127 verbuchen: So kam es zu einer Landschenkung an die Gemeinschaft durch den Grafen Theobald IV. von Blois und der Champagne, außerdem erlaubten er und der Graf von Flandern die Übertragung von Besitz in ihren Ländern an die Templer. Ähnliches geschah bald in ganz Nordfrankreich und darüber hinaus. Im Sommer 1128 begab sich Hugo schließlich auch in de Normandie, nach England und Schottland, wo weitere Schenkungen erfolgten, unter anderem durch König Heinrich I. von England, sowie zahlreiche schottische und englische Adlige. Nicht nur Ländereien wurden der Gemeinschaft geschenkt, sondern auch große Mengen an Gold und Silber, die der Gründer der Templergemeinschaft nach Jerusalem bringen ließ. Diese Schenkungen legten den Grundstein für den später sprichwörtlich gewordenen Reichtum der Templer und die vielen Legenden um den Templerschatz.

Einmal mehr bewies Hugo de Payns bei dieser Reise propagandistisches Geschick, wie ein (vermutlich) zeitgenössischer Bericht aus der Angelsachsenchronik beschreibt: „Er rief die Menschen auf, nach Jerusalem zu gehen. Im Ergebnis gingen mehr Menschen mit ihm oder nach ihm als jemals zuvor nach dem ersten Kreuzzug, der in den Tagen Papst Urbans stattfand […]“ Dementsprechend erfolgreich verlief also die Reise Hugos einerseits für die Templergemeinschaft und andererseits für die Beschaffung von personeller Unterstützung für Jerusalem.

Die Angelsachsenchronik berichtet jedoch auch, der Adlige habe sich dabei einer perfiden politischen List bedient: Offenbar erklärte Hugo den potentiellen Unterstützern zunächst, im Heiligen Land stünde eine entscheidende Auseinandersetzung zwischen Christen und Ungläubigen unmittelbar bevor, wobei jene, die seinem Aufruf folgten bald hätten feststellen müssen, dass dies eine Lüge gewesen sei.

Ein weiterer Grund für Hugos Reise ins Abendland dürfte die innerkirchliche Kritik am Orden gewesen sein, insbesondere die Vereinigung von Mönchs- und Ritterideal stieß bei zahlreichen Kirchenpersönlichkeiten auf Unverständnis, da diese gegen die im Mittelalter übliche Trennung zwischen arbeitenden, betenden und kämpfenden Personen verstieß.

So kam es wohl auch zur Synode von Troyes, die gemäß des Prologs zur Templerregel auf ausdrücklichen Wunsch Hugos von Payens‘ in der Champagne zusammen trat. Offenbar sollte die Aufgabe des Konzils sein, die Konflikte über die „Neue Ritterschaft“ in der Lehrmeinung zu lösen, und der Gemeinschaft eine entsprechende Ordensregel zu verschaffen. Wobei zu bemerken ist, dass es kein anderes Beispiel dafür gibt, dass ein Konzil einzig einberufen wurde zur Anerkennung eines christlichen Ordens. Wahrscheinlicher ist deshalb, dass es sich bei der Synode von Troyes um ein reguläres Regionalkonzil handelte, welches von Bernhard de Clairvaux, Hugo de Payens und deren Unterstützern aus Adel und Klerus später dahingehend verklärt wurde, sein einziger Zweck sei die Gründung des Ordens gewesen.

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Bernhard de Clairvaux in einer Initialdarstellung (13. Jahrhundert).

In der Liste der Anwesenden wird der einflussreiche Zisterzienserabt mittlerweile regelmäßig mit aufgeführt. Zwar ist dessen Anwesenheit nicht schriftlich verbürgt, sie gilt jedoch aufgrund seiner Stellung in der Kirche als gesichert. Seine konkrete Rolle auf dem Konzil und in der Gründung des Tempelritterordens dagegen ist umstritten: So wird teilweise behauptet der Abt hätte die Templerregel selbst verfasst, was jedoch so nicht stimmt, wenngleich der Reformist erheblichen Einfluss auf die Regel genommen haben dürfte.

Es dürfte auch an Bernhard gelegen haben, dass Hugo persönlich – als Laie – den Entwurf der Ordensregel vortragen durfte. Im Besonderen legte der Adlige dabei der Synode dar, welche Gewohnheiten und Lebensregeln die Gemeinschaft bisher verfolgte, und wie sie sich in den ersten Jahren entwickelte, wobei er den Schutz der Pilger im Outremer gegen „heimtückische“ Feinde als Hauptaufgabe und Besonderheit des Ordens hervorhob. An den Vortrag Hugos schloss sich dann offenbar eine lebhafte Debatte über die Qualität des Entwurfes an, an deren Ende ein 71 Punkte umfassender zweiter Regelentwurf stand. Dieser band die Brüder an die mönchischen Gelübde von Armut, Keuschheit und Gehorsam und gab vermutlich nach dem Vorbild der Zisterzienser den Rittern als erstem Stand des Ordens einen weißen Mantel, während dienende und arbeitende Brüder schwarze oder braune Mäntel tragen sollten.

Zwar war die Zustimmung, der Konzilväter zur Gründung des Ordens schon aufgrund der angespannten Situation im Heiligen Land einhellig, zum Regelentwurf jedoch gab es bis zuletzt Bedenken, weshalb es nicht zu einer endgültigen Fassung oder gar zur erhofften päpstlichen Anerkennung kam. Vielmehr wurde die endgültige Entscheidung über den Regeltext dem Pontifex Honorius II. selbst und dem Patriarchen von Jerusalem, Étienne de la Ferté überlassen.

Dennoch kann das Konzil im Januar 1129 als Gründungsversammlung des Ordens verstanden werden: Erstmals erfuhr hier eine Rittergemeinschaft offizielle kirchliche Anerkennung und wurde mit einer vorläufigen Ordensregel ausgestattet.

Kapitel VI: Die arme Ritterschaft Christi – Ein Missverständnis.

templer-Darstellung aus der Chronik Matthäus von Paris
Darstellg der Templer aus der Chronik des Matthäus von Paris (13. Jahrhundert)

Seit der Überlassung der Al-Aqsa-Moschee durch Balduin II. lautete die offizielle Bezeichnung der neuen Ritterschaft „Pauperes commilitones Christi templique Salomonici Hierosolymitanis“ ins Deutsche übertragen spricht man meist von der „Armen Ritterschaft Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem“ Das Wort arm gibt dabei jedoch Rätsel auf, denn arm war der Orden wohl selbst zu seinen Anfängen nicht, wenn man die großzügigen Schenkungen und sonstigen Förderungen bedenkt, später wurde gar der Reichtum des Templerordens sprichwörtlich, das Gold der Templer zum Mythos, der bis in die heutige Zeit überdauert. Auch kamen die Gründungsmitglieder der Ritterschaft allesamt aus angesehenen Adelsfamilien, die sicher keinen Hunger leiden mussten.

Für diesen Widerspruch finden sich allerdings zweierlei Erklärungen, die gleichermaßen richtig erscheinen: Erstens sollte wohl das Wort „arm“ nicht in erster Linie Besitzlosigkeit anzeigen sondern eine grundsätzlich demütige Haltung sowie eine Abgrenzung zum existenten Wohlstand der großen Klöster demonstrieren. Zweitens kann das Wort „pauper“ beziehungsweise die in der Ordensregel verwendete Formulierung „sine proprio“ auch Verstanden werden als „ohne persönliches Eigentum“, also als Einlassung des Ordens über die Entsagung seiner Mitglieder vom weltlichen Besitz. Dieses Gelübde, dass Ritter, die dem Orden beitreten wollten allem persönlichen Eigentum entsagen, Besitzungen gar an die Gemeinschaft abtreten mussten, galt solange der Orden bestand, wie sehr auch sein Reichtum wuchs. Der Orden als Gemeinschaft durfte ohne Beschränkung Vermögen anhäufen, während die einzelnen Mitglieder „sine proprio“ blieben.

Templer-Siegel
Siegel der Templer.

Eine dritte Erklärung findet sich in der Selbstdarstellung des Ordens. Hugo de Payns, der als geistiger Vater der Gemeinschaftsbezeichnung gilt, dürfte diesen auch propagandistisch und zur Sammlung von Spenden genutzt haben, für diese These spricht auch die frühe Selbststilisierung des Ordens beispielsweise durch ein frühes Siegel der Templer, das zwei Ritter auf einem Pferd zeigt. Diese Stilisierung wurde übernommen von zeitgenössischen Chronisten und über die Jahrhunderte weiter verbreitet: „So arm war anfangs der Orden, dass er auf Almosen angewiesen war, und dass es für zwei Templer nur ein Pferd gab,“ heißt es in mehreren Chroniken in variierender Form, obgleich als gesichert gilt, dass schon in den Anfangszeiten des Ordens die Anzahl der Pferde, die einem Ordensritter zustanden, einer Rangeinstufung gleichkam.

Kapitel VII: Vom „Lob der neuen Ritterschaft“ und der päpstlichen Anerkennung.

Einer der Anwesenden auf dem Konzil von Troyes war sicher Bernhard de Clairvaux, der in der Templerforschung oft als Vater der Tempelritter und heimlicher Papst bezeichnet wird. Tatsächlich war der Zisterzienser wohl nicht nur mit verantwortlich für die Formulierung der Ordensregel, sondern er wurde in der Folgezeit auch Hugos engster propagandistischer Verbündeter. Seinen Bemühungen um die Rittergemeinschaft, die wohl auch daher rührten, dass die reformistischen Zisterzienser häufig aus den selben Adelskreisen stammten, wie die Tempelritter, weshalb sie ihre Reformbewegung auch auf den Ritterstand ausdehnen wollten, ist ein großer Teil der Popularität der Tempelherren zu verdanken.

Wobei Bernhard wohl nicht direkt für den Orden eingenommen war, so billigte er, obgleich sein Onkel, Andrè de Montbard sehr wahrscheinlich zu den Gründungsmitgliedern um Hugo de Payns gehörte, nur zögerlich den Eintritt des Grafen Hugo von der Champagne in den Orden. Erst der in Kapitel IV erwähnte Brief König Balduins II. dürfte den Grundstein für die Änderung seiner Position gelegt haben. Weiterhin wird Hugo de Payns den Zisterziensermönch auf der Synode von Troyes empfindlich bearbeitet haben, so berichtet Bernhard selbst, er sei im Vorfeld des Konzils unter erheblichen Druck gesetzt worden, trotz einer Erkrankung teilzunehmen. In Troyes gerieten die beiden demnach in engeren Kontakt und in der Folgezeit bat Hugo den Abt immer wieder, zugunsten der neuen Lebensform Stellung zu beziehen.

So fertigte der Reformabt noch vor dem Tod Hugos seine Schrift „Über das Lob der der neuen Ritterschaft“ an, die sich zu einer grundlegenden Rechtfertigung nicht nur des Templerordens, sondern auch späterer christlicher Ritterorden entwickeln sollte. Durch eine scharfe Abgrenzung vom weltlichen Rittertum bezog Bernhard, der selbst einem recht jungen Orden angehörte, Stellung gegenüber der Kritik an den Tempelherren, jedoch nicht ohne das reine Mönchtum vornan zu stellen. In seiner Verteidigung der Templer schreibt Bernhard, dass die im Heiligen Land entstandene Ritterschaft die Aufgaben von Mönchtum und Rittertum zusammen führt, demnach gelte für das weltliche Rittertum weiterhin, dass das Töten im Kampf eine Todsünde sei, während die Templer im Kampf frei von Sünde blieben und die Gewissheit hätten, über den Tod im Kampf das ewige Leben zu erlangen. Insgesamt stellt die Schrift des Abtes die weltliche Ritterschaft als eine Kraft es bösen dar, die geprägt sei von Streit- und Prunksucht sowie von der eitlen Suche nach Ruhm und Besitz, wohinter ritterliche Tugenden völlig zurück träten. An erster Stelle kritisiert er somit die „weltliche Pracht“ des säkularen Rittertums.

Wohingegen die Tempelritter wahre Ritter Christi seien, die für Christus siegten, wenn sie dessen Feinde töteten. Sie seien dementsprechend Diener Gottes, wenn sie Heiden und andere Übeltäter nieder streckten. Die Schrift suggeriert sogar, die neue Ritterschaft sei von Gott selbst nach Jerusalem gesandt worden, um die heilige Stadt von ihren Nöten zu befreien. Zugleich lobt der Abt das mönchische Zusammenleben der Ritter, die gegenseitige Rücksichtnahme, die Demut, die fehlende Eitelkeit sowie die Gottesfurcht der Männer. Insgesamt ist „Über das Lob der der neuen Ritterschaft“ ein Meisterwerk der Propagandakunst des Mittelalters, welches schließlich auch seine erzielte Wirkung nicht verfehlt: Zwar war weiterhin Balduins II. und Hugos Wunsch von einer päpstlichen Anerkennung noch nicht stattgegeben worden, die Schrift Bernhards jedoch machte die Ritterschaft binnen kürzester Zeit im ganzen Abendland bekannt und verschaffte ihr so den endgültigen Durchbruch.

Hugo de Payns starb im Mai 1137 oder 1138, ohne die päpstliche Anerkennung als Orden erreicht zu haben. Sein Nachfolger,Robert de Craon, der aus dem Umfeld des dritten Königs von Jerusalem, des Templermäzens Fulk von Anjou, stammte, trieb diesen Plan jedoch weiter voran.

Schon bald nach seiner Wahl zum Meister 1138 reiste er nach Europa, um weitere Unterstützung für die Gemeinschaft zu gewinnen, die seinerzeit mit zahlreichen Problemen zu kämpfen hatte: So wurden sie durch die teure Einfuhr von Nahrungsmitteln und Pferden belastet, durch den Kirchenzehnten, den sie weiterhin zu zahlen hatten, sowie durch Spannungen zwischen dem König und dem Patriarchen von Jerusalem, da die Ritter beiden Instanzen verpflichtet war. Robert wandte sich deshalb direkt an Papst Innozenz II., der gerade, nach dem Tod des Gegenpapstes Anaklet II. 1138 und mit der Hilfe von Bernhard Clairvaux, die Folgen eines Kirchenschismas beseitigt hatte, welches vielleicht auch eine frühere päpstliche Anerkennung der Ordensregel verhindert hatte.

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Papst Innozenz II. (links) auf einem zeitgenössischen Mosaik in der römischen Kirche Santa Maria in Trastevere.

Der Pontifex gab Roberts Ansuchen schließlich statt, am Vorabend des zweiten Laterankonzils, das die Wiederherstellung der Kirchenheinheit demonstrieren sollte, stellte Innozenz II. den Templern am 29. März 1139 unter Beteiligung zahlreicher Kardinäle mit der Bulle „Omne datum optimum“ (deutsch: Jede beste Gabe) umfangreiche Privilegien aus. Gleichzeitig unterstellte der Papst den neuen Orden direkt dem heiligen Stuhl. So war Robert von Craon schließlich gelungen, was seinem Amtsvorgänger zeitlebens versagt geblieben war: Die Templer waren unter seiner Führung in den Status eines christlichen Ordens erhoben worden, wodurch sich ihr Aufstieg zur vielleicht mächtigsten Organisation des Mittelalters erheblich beschleunigen würde.

Was steht in der Bulle „Omne datum optimum“?

– Der Orden und dessen gegenwärtiger sowie künftiger Besitz stehen unter dem Schutz des Papsttums.
– Das etablierte religiöse Leben in den Templerhäusern soll nicht von außen beeinflusst werden.
– Änderungen der Regel sollen mit Zustimmung des Meisters und der Mehrheit des Generalkapitels möglich sein, nicht aber von außerhalb des Ordens.
– Der Templerorden darf etwaige Kriegsbeute vollständig behalten.
– Keine geistliche oder weltliche Organisation darf von den Templern einen Lehenseid verlangen.
– Nach dem Eintritt darf ein Bruder unter keinen Umständen die Gemeinschaft wieder verlassen, nicht einmal zugunsten eines Ordens mit strengeren Lebensformen.
– Gegen den Willen des Ordens darf von ihm keine Zehnten verlangt werden, den selbst eingetriebenen Zehnten darf der Orden frei für eigene Zwecke verwenden.
– Dem Templerorden wird gestattet für all seine Häuser eigene Priester aufzunehmen, die dem Meister des Ordens direkt unterstellt werden.

Die Privilegierung des Templerordens, die durch „Omne datum optimum“ eingeleitet und durch die Privilegien aus „Milites Templi“ von Papst Cölestein II. (1144) sowie durch „Milites Dei“ von Papst Eugen III. (1145) bestätigt und erweitert wurden, erlaubte nunmehr eine eigenständige Entwicklung des Ordens, der in der Folgezeit ein enormes Netzwerk aufbauen würde, um die Einkünfte aus dem Westen auch im Heiligen Land nutzbar zu machen.


Lesen Sie ab dem kommenden Donnerstag, den 21. Juli den dritten Teil dieser Reihe mit dem Titel „Der Aufstieg des Templerordens zu Macht und Reichtum“.