Digitales Cannabis – Microsoft investiert ins Drogengeschäft

Seattle (Washington, USA). In 25 US-Staaten ist der Vertrieb von Cannabis mittlerweile legal. Teilweise nur zu medizinischen Zwecken, teilweise auch als reines Genussmittel unter behördlichen Auflagen. Der Markt wächst so rasant wie kaum ein anderer. Nach Angaben spezialisierten Analyse- und Investmentgruppe Arcview wuchs der gesamte Marihuanaumsatz in den USA im vergangenen Jahr um 17 Prozent auf 5,4 Milliarden Dollar. Für 2016 wird ein weiteres Wachstum auf 6,7 Milliarden Dollar erwartet. Bis 2020 soll der Markt sogar auf ein Umsatzvolumen von 21,8 Milliarden Dollar angewachsen sein. Bis dahin soll den Analysten zufolge die Hälfte des Absatzes auf den Genusskonsum fallen.

Dennoch wird die mittlerweile hochtechnisierte Branche derzeit dominiert von Kleinunternehmen und einer wachsenden Start-Up-Szene, die Agrar-Unternehmen, Privatanbauern und Konsumenten eine breite Produktpalette anbieten: Von Beleuchtungssystemen über Bewässerungsanlagen bis zum beinahe vollautomatischen Überwachungssystem, dass die Bedürfnisse der Marihuanapflanzen ständig digital überwacht und Luftfeuchtigkeit, Lichtzufuhr und Wärme selbstständig regelt. Ein Zukunftsmarkt.

Der Anbau von Cannabis ist mittlerweile hoch technisiert und digitalisiert, ganze Plantagen lassen sich per Laptop oder Smartphone-App steuern und kontrollieren.
Der Anbau von Cannabis ist mittlerweile hoch technisiert und digitalisiert, ganze Plantagen lassen sich per Laptop oder Smartphone-App steuern und kontrollieren.

Dennoch gilt der Einstieg in den Markt weiterhin für größere Unternehmen als heikel, da Cannabis auf Bundesebene weiterhin verboten bleibt, auf einer Ebene steht mit harten Drogen wie Crystal-Meth oder Heroin. Deshalb halten sich auch Banken bisher größtenteils aus dem Markt heraus, sie fürchten Geldwäschevorwürfe. Dadurch ist es für Unternehmensgründer schwierig an das notwendige Startkapital zu kommen.

Der Computerkonzern Microsoft hat nun allerdings den Schritt gewagt und in ein Start-Up der Cannabisszene investiert. Vorsichtig jedoch. Nicht in ein mit dem Anbau der Droge direkt verbundenes Unternehmen steckte man Kapital sondern in kalifornischen Softwareanbieter Kind Financial, welche Marihuanabetrieben und Behörden Programme zur Dokumentation und Kontrolle strenger gesetzlicher Vorgaben im Cannabisgeschäft verkauft. Der Softwareriese Microsoft interessiert sich insbesondere für die Geschäfte des Start-Ups mit Behörden heißt es. So wolle Microsoft die Anwendungen von Kind Financial im Rahmen der auf Behörden zugeschnittenen Version der Cloud-Computing-Plattform „Azure“ vertreiben. Laut Kind-Vorstandsvorsitzender David Dinenberg habe im Vorfeld der Allianz viel Überzeugungsarbeit stattgefunden, die Verbindung sei lange ungewiss gewesen. Im Heimatstaat des Unternehmers, Kalifornien, ist der Vertrieb und Konsum von Marihuana bisher nur zu medizinischen Zwecken erlaubt, die Legalisierung als Genussmittel steht im Staatskongress im November zur Wahl. In Washington dagegen, Microsofts Heimatstaat befindet sich die Legalität von Cannabis derzeit in einer leicht absurden Einseitigkeit: Es darf zu medizinischen Zwecken sowohl verkauft als auch konsumiert, als Genussmittel jedoch nur konsumiert und nicht vertrieben werden.

In 25 US-Staaten sind Konsum und Vertrieb von Cannabis mittlerweile erlaubt, teilweise jedoch nur zu medizinischen Zwecken in solchen "Cannabis-Apotheken"
In 25 US-Staaten sind Konsum und Vertrieb von Cannabis mittlerweile erlaubt, teilweise jedoch nur zu medizinischen Zwecken in solchen „Cannabis-Apotheken“

Eine Legalisierung der Droge in Deutschland ist politisch derzeit nicht geplant, zwar setzen sich Grüne, Linke und Teile der SPD seit Jahren dafür ein, die Pläne scheitern jedoch am Widerstand der Union, so bezeichnete zuletzt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler Cannabis (CSU) als „nicht ungefährlich“, wenngleich der Drogenbericht der Bundesregierung die legalen Drogen Tabak und Alkohol als statistisch deutlich gefährlicher darstellte.

Uns teilte die Drogenbeauftragte allerdings auf eine Anfrage kürzlich mit: „Ich habe mich dafür eingesetzt, dass die Erforschung von Cannabis als Medizin weiter ausgebaut und eine Gesetzesvorlage für eine zweckgebundene medizinische Verabreichung von Cannabisarznei erarbeitet wird.“ Mindestens eine Legalisierung für medizinische Zwecke scheint also in Sicht, damit könnte die Droge auch in Deutschland einen gewissen Start-Up-Boom auslösen, problematisch sehen Wirtschaftsexperten jedoch, dass Unternehmen in den USA und anderen Ländern, die Cannabis bereits schrittweise legalisiert haben, auf diesem Gebiet einen uneinholbaren Vorsprung gewinnen könnten. In Deutschland müssten Unternehmer, welche beispielsweise spezialisierte digitale Applikationen zur Überwachung von Cannabis-Plantagen entwickelten, außerhalb oder am Rande des Gesetzes arbeiten. Das schwächt die Investitionsbereitschaft natürlich gewaltig. Bei einer Legalisierung von Marihuana würden deshalb wohl ausländische Firmen den Markt dominieren.

Sieben bemerkenswerte Feststellungen aus dem Drogenbericht der Bundesregierung.

Berlin. Am Donnerstag legte Drogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU) der Öffentlichkeit den Drogen- und Suchtbericht 2016 der Bundesregierung vor. Wir haben die zehn wichtigsten Erkenntnisse für Sie zusammengefasst.

Gewohnheitsalkoholismus: 16 Prozent der Männer trinken in riskanten Mengen, von den Frauen sind es 13,9. 9,7 Liter reinen Alkohol pro Jahr nahmen damit die Deutschen jährlich im Durchschnitt zu sich. (aktuellste Zahl von 2013)

Schwangerschaftstrinken: Trotz erwiesenermaßen schädlicher Wirkung von schon geringsten Mengen, trinken 14% der Schwangeren gelegentlich Alkohol.

Drogentote: 1.226 Menschen starben 2015 in Deutschland an den Folgen illegaler Drogen wie Heroin oder Crystal Meth, 39 Menschen starben außerdem durch die Nutzung sogenannter „Legal Highs“, Substanzen, die zunächst nicht illegal sind, sich aber unter Umständen so zersetzen, dass sie im Körper ähnliche Wirkungen wie Meth oder Ecstasy entfalten. Laut Bericht seien diese sogenannten Designerdrogen in Europa zunehmend auf dem Vormarsch. Die mit Abstand meisten Personen starben dagegen an den Folgen klassischer legaler Drogen: 74.000 Menschen durch Alkohol und 121.ooo Menschen aufgrund von Krankheiten, die durch das Rauchen ausgelöst oder kritisch verstärkt wurden.

Raucheranteil: 26,9 Prozent aller Frauen und 32,6 Prozent der Männer im Alter von 18 bis 79 Jahren rauchen derzeit regelmäßig oder greifen zu anderen Tabakprodukten, dazu kommt ein ungewisser Anteil von Gelegenheitsrauchern. 22,8 Prozent der Frauen und 33,7 der Männer haben irgendwann aufgehört zu rauchen, womit über die Hälfte der Deutschen irgendwann im Leben einmal regelmäßige Raucher waren.

Komasaufen: Unter Jugendlichen nimmt das exzessive Trinken weiter zu, während unter Erwachsenen ein deutlich negativer Trend zu beobachten ist. 15.500 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 17 Jahren wurden 2015 wegen Alkoholvergiftungen ins Krankenhaus eingeliefert.

Jugendliche Raucher: Unter den 12- bis 17-Jährigen rauchen zwölf Prozent gelegentlich und jeder vierte Jugendliche zwischen 15 und 24 raucht. Durchschnittlich fingen diese Jugendlichen mit 15 Jahren damit an.

Cannabiskonsum: 11,2 Prozent der 12- bis 17-Jährigen Jungs und 41,9 Prozent der jungen Männer (18 bis 25) gaben an mindestens einmal Cannabis konsumiert zu haben. Bei den Mädchen und Frauen sind es 8,2 und 26,6 Prozent. Übrigens ist kein Fall bekannt, in dem ein Mensch aufgrund Cannabiskonsums verstarb, im Gegensatz zu den legalen Drogen Nikotin und Alkohol. Tatsächlich zeigten Untersuchungen in den USA, dass die wenigen Krankheitsfälle, die mit Cannabis in Verbindung standen in aller Regel durch das Strecken oder behandeln des Marihuanas, also indirekt durch die Illegalität der Substanz, ausgelöst wurden.

Trotz der entgegengesetzt lautenden Statistiken sagte die Suchtbeauftrage in der Tagesschau übrigens, Cannabis sei „keine ungefährliche“ Droge und setzte sich vehement gegen eine Legalisierung des Stoffes ein. Wenn schon Kiffen so gefährlich ist, sollten dann nicht auch Alkohol und Tabak verboten sein, immerhin sterben daran jährlich fast 200.000 Menschen?

Wir werden nachfragen, die Antwort reichen wir baldmöglichst nach.