Deutschlands Kindersoldaten – Der Fußballverein als Rekrutierungszentrum

Jugendliche nehmen an einem "Abenteuer-Camp" der Bundeswehr teil. Eine kontroverse Rekrutierungsmethode.

Berlin. Seit 2011 hat sich die Anzahl jugendlicher Wehrdienstleistender verdoppelt, circa 1500 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr waren 2015 noch nicht volljährig, dies ergab eine kleine Anfrage der Linksfraktion. Etwa 7% der rund 21.000 Rekruten, die den Dienst bei der Bundeswehr im Vorjahr angetreten haben, waren demnach minderjährig. Minderjährige werden zwar nicht in den Einsatz geschicht, absolvieren aber die gleiche Ausbildung wie erwachsene Soldatinnen und Soldaten, werden mit Erwachsenen gemeinsam untergebracht und werden an der Schusswaffe ausgebildet. Die Linke fordert nun: „den so­for­ti­gen Re­kru­tie­rungs­stopp Min­der­jäh­ri­ger in­klu­si­ve der Ein­stel­lung sämt­li­cher an Ju­gend­li­che ge­rich­te­ter Wer­be­maß­nah­men.“ Dazu wird es aber wohl vorerst nicht kommen, seit Abschaffung der Wehrpflicht hat es die Bundeswehr schließlich deutlich schwerer bei der Nachwuchsgewinnung.

Ob die Rekrutierung von Minderjährigen Soldaten sich jedoch rechnet, kann angezweifelt werden, so stiegen 484 der minderjährigen Rekruten 2015 noch während oder kurz nach ihrer Probezeit aus. Auch pädagogisch ist diese Anwerbung von Jugendlichen zu kritisieren, Minderjährige sind schließlich oft nicht reif genug, um die Folgen einer Verpflichtung als Bundeswehrsoldat adäquat einschätzen zu können, dennoch finden übliche Jugendschutzregelungen wie das Jugendarbeitsschutzgesetz keine Anwendung bei minderjährigen Soldaten, sie sind schließlich in erster Linie Soldaten und müssen sich in das Gefüge des Wehrapparates einfügen. Die Konsequenz daraus ist, dass ein Siebzehnjähriger Zivilist sich keinen Film ohne Jugendfreigabe ansehen darf, ein Siebzehnjähriger Soldat jedoch das Töten unter Realbedingungen trainieren muss.

Auch der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes, kritisiert regelmäßig die Aufnahme minderjähriger Soldaten in die Streitkräfte. Besorgniserregend sei auch die besondere Gefahr für Jugendliche, „sich strafbar zu machen, falls sie beschließen sollten, die Streitkräfte nach Ablauf der Probezeit zu verlassen.“

Bei Studien aus Großbritannien, wo ebenfalls Minderjährige Rekrutiert werden, zeigten sich bei jugendlichen Rekruten laut Kinderrechtsausschuss deutlich häufiger psychische Probleme, Selbstverletzungen, posttraumatische Belastungsstörungen und Mobbing als bei erwachsenen Soldaten. Weiterhin wurde festgestellt, dass vor allem jugendliche Soldatinnen häufiger das Opfer von sexuellen Übergriffen in den Streitkräften sind. Auch aus militärischer Sicht sei die Rekrutierung Jugendlicher fragwürdig, da es aufgrund der geschilderten Probleme zu höheren Gesundheitskosten komme. Außerdem zeigen die Studien auch, dass minderjährig Rekrutierte viel häufiger frühzeitig aus dem Wehrdienst ausschieden, wobei sie nach ihrem Ausstieg auch noch ein höheres Risiko für Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und Suchterkrankungen aufwiesen. Vieles spricht also gegen die Aufnahme von Minderjährigen in den Militärdienst. Mit Bezug auf die britischen Untersuchungen fordert der Kinderrechtsausschuss deshalb die Anhebung des Rekrutierungsalters auf 18 Jahre.

Seit der Abschaffung der Wehrpflicht zielt die Bundeswehr mit ihrer Rekrutenwerbung dennoch verstärkt auf Jugendliche. So wurden im Jahr 2014 knapp 30 Millionen für die „Information und Werbung von Jugendlichen“ ausgegeben. Vermehrt setzt die Bundeswehr dabei auf die Zusammenarbeit mit Sportvereinen, allein für diesen Posten wurden 453.000€ des Budgets aufgewendet. Besonders beliebt war Werbung in Fußballstadien und bei Fußballvereinen. Aber auch spezielle, auf Jugendliche zugeschnittene Werbefilme, Plakate und Anzeigen werden verwendet. Hinzu kommen „Informationsveranstaltungen“ in Schulen oder Werbekooperationen mit Jugendzeitschriften wie Bravo.

Diese Vorgehensweise muss aufhören! Die Bundesrepublik riskiert durch die Aufnahme Minderjähriger Rekruten nicht nur die seelische Gesundheit von tausenden Jugendlichen, sie gefährdet auch andere Soldatinnen und Soldaten: Was wäre denn, wenn irgendwann einmal ein Siebzehnjähriger Soldat wegen posttraumatischer Belastungsstörung durchdreht, mit der geladenen Waffe in der Hand? Will man einen jugendlichen Private Powler aus Full Metal Jacket wirklich in der Bundeswehr haben? Jugendliche gehören nicht ins Militär, es darf in Deutschland keine Kindersoldaten geben. Das Rekrutierungsalter ist daher, wie vom Kinderrechtsausschuss gefordert, auf 18 Jahre anzuheben und spezielle Werbemaßnahmen für Jugendliche sind der Bundeswehr zu untersagen.

 

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