Warum die „ZEIT“ keine homosexuellen Kinder will.

Liebe „ZEIT“,

Ich lese dich ja gerne, das habe ich immer getan, in meiner Schulzeit warst du immer mein Favorit gegenüber der spießbürgerlich-konservativen FAZ, schon weil ich aufgrund deiner Eigenschaft als Wochenzeitung tatsächlich in der Lage war dich vollständig zu lesen, während mich die konservative FAZ offenbar mit täglich neuen Bleiwüsten in den Wahnsinn treiben wollte (ernsthaft: Warum gibt man sich die Mühe eine Zeitung zu machen, die kein Mensch fertig lesen kann?). Aber in letzter Zeit entwickelst du ein paar Allüren, die mir gar nicht gefallen: Im Besonderen ist es die unterschwellige Homophobie, die manchmal gar nicht mehr so unterschwellig ist, die mir doch immer wieder sauer aufstößt.

Einerseits ist da dein, ansonsten von mir sehr geschätzter, Kolumnist, der brillante Ironiker Harald Martenstein, der immer wieder ganz vorsichtig und pointiert gegen die Homosexuelle Community stichelt. Er hetzt nicht, er stichelt nur, niemals so sehr, dass sich wirklich jemand angegriffen fühlt und doch gerade so sehr, dass der Stich spürbar ist. Das Gefährliche an dieser sehr diffusen Art der Homophobie ist, dass sie nicht jedem gleich auffällt, dass nicht jeder sie als solche wahr nimmt. Und doch hat sie einen Einfluss auf den Leser, der in kleinen Schritten zur Vorverurteilung von LGBT-Menschen geführt wird, was vielleicht nicht Martensteins Absicht ist, dennoch schreibt er in seine Kolumnen die eigene homophobe Tendenz nur zu gern hinein. Vielleicht auch zur Bewältigung derselben? Dein Chefredakteur nennt das dann „Antikonformismus“ und könnte damit falscher nicht liegen, denn die Homophobie in Deutschland ist mehr als massenkonform. Nicht umsonst blieb der notwendige Aufschrei gegenüber den widerwärtig homophoben Äußerungen des AfD-Abgeordneten Andreas Gehlmann im Magdeburger Landtag quasi aus. Homophobie gehört zu jenen rechtsextremen Einstellungsdimensionen die in der Bundesrepublik absolut gesellschaftstauglich sind, antikonformistisch ist an ihr nichts, auch nicht, wenn sie pointiert und witzig vorgetragen wird.

Andererseits äußertest du dich auf deiner Titelseite nach dem schrecklichen Attentat von Orlando ganz offen dahingehend, dass Homophobie auch eine gesellschaftliche Reaktion auf die „enormen Emanzipationsgewinne“ der LGBT-Community ist. Interessante These. Ist dementsprechend Sexismus auch eine Reaktion auf die Ungeheuerlichkeit der Gleichstellung der Frau? Rassismus die Reaktion auf das Ende von westlichem Imperialismus und Sklavenhandel? Schriebe jemand, die NSU-Morde seien auch als Antwort auf die Integration von Migranten zu verstehen, so wäre dies ein Skandal. Jeder einzelne verständige Journalist dieser Republik würde denjenigen als Rassisten betiteln. Du aber, liebe „ZEIT“, weil du doch ein linksliberales Blatt bist, bist befreit von jedem Verdacht der gruppenorientierten Vorverurteilung. Niemand nennt dich rassistisch, niemandem fiele es ein nach Sexismus in deinen Seiten zu suchen und niemand vermutet Homophobie in deinen Artikeln. Du hast dir einen Freibrief verdient, der unverdienter nicht sein könnte.

„Homophobie ist nicht zuletzt eine Reaktion auf die enormen Emanzipationsgewinne der Schwulen und Lesben.“ – Einlassung der „Zeit“ zum Massaker von Orlando.

Spontane Trauerversammlung vor dem weißen Haus.
Spontane Trauerversammlung nach dem Massaker von Orlando vor dem weißen Haus: „DIE ZEIT“ gibt der Emanzipation von Schwulen und Lesben eine Mitschuld an Homophobie.

Nun jedoch gipfelte deine Homophobie in einem Titel, der gar nicht mehr unterschwellig war, der sich ganz offensichtlich der latenten Feindseligkeit der Deutschen gegen Homosexuelle anbiederte: „Was spricht gegen intelligente, kreative, heterosexuelle Nachkommen?“ Den Satz, den du zum Titel einer Geschichte von Ulrich Woelk zum Thema Gentechnik auf deiner Website erkorst, äußert der Protagonist dieser Geschichte, welche im Jahr 2056 spielt, als Antwort auf die gentechnik-kritischen Äußerungen seiner Tochter, als diese befindet, dass man an substanziellen Eigenschaften wie der sexuellen Identität nicht genetisch herumdoktern solle. Insgesamt ließt sich das Werk durchaus unterhaltsam. Pointiert stellt es die mögliche Zukunft der Genmanipulation dar, worin auch das Problem liegt: Wieder einmal ist hier ein offensichtlich homophober Satz eingebunden in ein teilweise ironisches Schmunzelwerk. Wäre er nicht aus Provokationsgründen auch zum Titel der Geschichte geworden, so hätten ihn vielleicht die Meisten überlesen. Das du aber ausgerechnet diesen Satz als Titel auswählst für eine ansonsten sehr gute und wichtige Geschichte, die insgesamt mit Homosexualität ja gar nichts zu tun hat, zeigt, dass du gerne bereit bist, dich jenen anzubiedern, die in diesem Lande Gefängnisstrafen für Schwule und eine Tabuisierung der Homosexualität fordern! Das ein Rechter dich ließt war in meiner Schulzeit undenkbar, schon meine erzkonservative Deutschlehrerin blickte, als ich in der zehnten Klasse war, mit Abscheu auf dich. Heute jedoch kann ich mir durchaus vorstellen, wie auch Andreas Gehlmann dich zum Frühstück ließt, schließlich tabuisierst du längst halbironische die Homosexualität und redest damit jedem konservativen Vater nach dem Mund, der seinen schwulen Sohn verstößt!

Liebe „ZEIT“, ich bin enttäuscht von dir! Zum Erhalt der eigenen Relevanz wirfst du dein linksliberales Ideal ganz einfach über Bord. Schade.

Mit herzlichen Grüßen,

Florian Reck
Für SpartacusTV.org

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3 Gedanken zu „Warum die „ZEIT“ keine homosexuellen Kinder will.

  1. Gänsehaut..ja, nicht nur die politik rudert dem rechtsruck nach…
    Eine schöne vierteilige dokumentation über homosexualität,

    https://lovisraeubermutter.wordpress.com/2016/07/19/homosexualitaet-ist-natuerlich/

    zeigt sehr schön, dass sie natürlich ist, aus der natur kommt. Weiter braucht kein mensch diskutieren, ob wer auf handschellen, dick, dürr, groß, klein steht ist individuell und privat.
    So einfach ist das, leider bemerke ich auch in anderen bereichen von political correctnes, dass die zeit sich auf seiten derer einordnet, die andere mobben, in eine selbst konstruierte lächerlichkeit ziehen.
    Eine frage hätte ich an dich aber noch, warum nennst du öfter das wort schwul für homosexuell, aber kein einziges mal das wort lesbisch? Von wagner sagte mal: homosexuell, das ist schwul, aber zwei frauen, das ist porno…
    Lovis

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo, schön, dass dir der Artikel gefällt. Das ich häufiger schwul schreibe als lesbisch, liegt wohl daran, dass keiner ganz aus seiner persönlichen Blase raus kann. Ich schrieb diesen Brief über Homosexualität eben aus der Sicht eines Schwulen, nicht aus der Sicht einer Lesbe… Wäre ich eine lesbische Frau und nicht ein Schwuler Mann, wäre es wohl andersherum.

      Gefällt 1 Person

      1. Das habe ich mir beim lesen auch gedacht, hatte bloß dann diesen satz im kopf. Mich machen die rückschritte die gerade laufen traurig, ich habe das gefühl wir treiben in der gleichen ströhmung, wie die weihmarer republik…
        Aber ich bin ratlos.
        Die doku ist klasse, homosexualität ist älter, als die menschheit, wir stellen ja auch nicht in frage dass wir, nein, moment wir stellen alles in frage, was natürlich ist, körperbehaarung, nahrungsaufnahme, stillen, fekalienausscheidung, tag- und nachtrythmus,…
        Alles was wir nicht in frage stellen ist menschlich, sprache, aufrechter gang, rollenaufteilung zwischen mann und frau…
        Danke für den gedankenanstoß…
        Lovis

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