Familie eines muslimischen US-Solaten schadet Trump am stärksten.

Washington D. C. (USA). Viele liberale Beobachter fürchteten im Vorfeld, die amerikanischen Demokraten würden auf ihrem  Nominierungsparteitag den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump zu wenig angreifen. Das Gegenteil war der Fall: Vor allem die Attacken des amtierenden Präsidenten Barack Obama, des Vizepräsidenten Joe Biden oder des Vizepräsidentschaftskandidaten Tim Kaine trafen den Republikaner. Insbesondere aber gerät Trump nun wegen seiner Äußerungen über die Familie eines im Irakkrieg getöteten muslimischen US-Offiziers in die Defensive.

Es war eine der kraftvollsten Szenen des demokratischen Parteitags, als Khizr Khan, Vater von Captain Humayun S. M. Khan, eines US-Offiziers der 2004 im Irak-Krieg getötet wurde, von seinem Sohn erzählte – mit Tränen in den Augen, seine Frau Ghazala Khan in stiller, unvergesslicher Trauer neben ihm. „Mr. Trump, Sie haben nichts und niemanden geopfert!“, rief er dem Republikaner zu. Tosender Applaus. Und weil er Muslim ist, und sein Sohn Muslim war, kommt Khizr Khan auch auf die Islamophobie zu sprechen, die die Trump-Kampagne stützt – schließlich will der rechte Neupolitiker allen Muslimen die Einreise in die USA verbieten. „Wenn es nach Mr. Trump ginge, wäre mein Sohn nie in diesem Land gewesen,“ so Kahn. Ihren Höhepunkt fand die Rede schließlich in dem Moment, da Kahn Trump anbot, sich seine Taschenbuchvariante der amerikanischen Verfassung zu borgen: „Haben Sie überhaupt die amerikanische Verfassung einmal gelesen? Gerne leihe ich ihnen mein Exemplar aus,“ erklärte er, während er aus der Innentasche seines Sakkos ein dünnes Büchlein – die Verfassung – zog.

Donald Trump attackierte daraufhin die Familie in den sozialen Netzwerken scharf, vor allem die Mutter des getöteten Soldaten, Ghazala Khan wurde von seiner Kampagne attackiert, weil sie auf der Bühne nichts gesagt habe. „Vielleicht darf sie nicht sprechen, oder sie hat nichts zu sagen,“ sagte Trump dazu in einem Fernsehinterview. In einem Gastbeitrag für die Washington Post antwortete die Muslima auf die Angriffe Trumps, und schadete ihm damit weiter:

Sie habe auf der Veranstaltung geschwiegen, „weil die ganze Welt, ganz Amerika, ohne dass ich ein Wort sagte, meinen Schmerz spüren konnte. Ich bin eine ‚Gold Star Mutter‘ (Mutter eines getöteten Soldaten). Jeder, der mich sah, fühlte im Herzen mit mir.“

„Donald Trump sagte, ich hätte nichts zu sagen. Das habe ich doch. Mein Sohn Humayun Khan, ein Army-Captain starb vor 12 Jahren im Irak. Er liebte Amerika, wohin wir zogen, als er zwei Jahre alt war. Er meldete sich freiwillig, seinem Land zu dienen […]. Das war noch vor dem 11. September 2001. Er musste das nicht tun, aber er wollte.“

„Als Humayun in den Irak geschickt wurde, sorgten sich mein Mann und ich sehr um seine Sicherheit. Ich war schon durch einen Krieg gegangen, in Pakistan 1965, als ich noch eine Schülerin war. Demnach war ich sehr verängstigt. Man kann sich selbst opfern, aber man kann es nicht ertragen, dass seine Kinder das tun.“

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Die Eltern des US-Captains haben auch 12 Jahre nach dem Tod ihres Sohnes im Irak noch Tränen in den Augen: Politik ist immer auch emotional.

Mittlerweile hagelt es auch aus den eigenen Reihen scharfe Kritik, allen voran vom prominenten Senator, Vietnam-Veteran und Ex-Präsidentschaftskandidaten John McCain: „Unsere Partei mag ihm die Nominierung gewährt haben, aber das gibt einem nicht einen Freibrief dafür, diejenigen zu diffamieren, die zu unseren Besten gehören“, erklärte er im Kongress. Der Vorsitzende der Veteranenvereinigung VFW, Brian Duffy, sagte, die Gruppe toleriere nicht, dass ein Mitglied der Familie eines gefallenen Soldaten beschimpft werde, weil es vom Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch mache.

Am Montag beschwerte er sich via Twitter über die Berichterstattung der Medien. Khizr Khan gebe überall Interviews. Dabei müsse es doch um „radikalen islamistischen Terrorismus“ gehen – statt um die Verfassungsfeindlichkeit seiner Person.

Während seine Konkurrentin Hillary Clinton, auch aufgrund der starken Reden ihrer – mehr oder weniger enthusiastischen – Unterstützer, deutlich gestärkt aus dem demokratischen Parteitag hervorgeht, behauptet Trump vor Anhängern in Ohio, die Wahl im November werde womöglich ein abgekartetes Spiel sein, womit er der Demokratischen Partei konkrete Wahlfälschung vorwirft. Auch für Clinton, die er in früheren Wahlkämpfen – auch finanziell – unterstützte, fand Trump deutliche Worte: „Sie ist der Teufel.“

In einer aktuellen Umfrage des Nachrichtensenders CNN liegt Hillary Clinton nach den Parteitagen mit 45 Prozent der Stimmen deutlich vor Donald Trump, der 37 Prozent der Befragten überzeugen konnte, dem Libertarier Gary Johnson (9 Prozent) und der Grünen Jill Stein (5 Prozent). Wobei die hohen Ergebnisse der beiden kleineren Parteien durchaus auffällig sind, in vorherigen Präsidentschaftswahlen erreichten diese selten messbare Werte, die USA haben faktisch ein Zweiparteien-System und beide Parteien, Demokraten wie Republikaner, versuchen kleinere Parteien von der politischen Partizipation abzuhalten – beispielsweise durch eine Regelung, die es Kandidaten, die in Umfragen weniger als 15 Prozent erreichen, verbietet, an Fernsehdebatten teilzunehmen. In einem Rennen nur zwischen Trump und Clinton sähen die Ergebnisse derzeit allerdings noch deutlicher aus: Clinten führt hier mit 52 zu 43 Prozent gegenüber ihrem republikanischen Kontrahenten.

Zuletzt sei, als triviales Addendum, erwähnt, dass seit der Rede Khizr Khans der Verkauf von Taschenbuchausgaben der US-amerikanischen Verfassung durch die Decke geht. Auch das zeigt die unwahrscheinliche Energie, die in der Rede des noch immer trauernden Soldatenvaters steckte.

Der Nominierungsparteitag der Republikaner: Trumps Reichsparteitag.

Cleveland (Ohio, USA). Der republikanische Präsidentschaftskandidat, Unternehmer und Reality-Show-Star Donald J. Trump akzeptierte am späten Abend des 21. Juli auf dem Parteitag der Republikanischen Partei seine Nominierung und hielt seine erste Rede als gewählter Kandidat der Partei. Diese war lang, zyklisch, unspezifisch, autoritär und – unvermeidbar – xenophob.

Als der kamerasüchtige Donald Trump im vergangenen Jahr seine Kandidatur – wohl ursprünglich als Marketinggag für seine Unternehmen – ankündigte, rechnete niemand, vielleicht am wenigsten Trump selbst, damit, dass er rund ein Jahr später auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner die Ehre akzeptieren dürfte, der offizielle konservative Präsidentschaftskandidat zu sein. Es war undenkbar, doch nun ist es geschehen: Ein Fernsehclown, verurteilter Betrüger und mehrfach gescheiterter Unternehmer wurde zum Symbol der konservativen Auslegung des amerikanischen Traums gekürt. Womit die wenigsten Parteifunktionäre der Republikaner glücklich sein dürften, aber genau das machte den bisherigen Wahlkampf Trumps aus: Er war bereit sich auch gegen das Establishment zu stellen – zumindest behauptete er das. Die Ernennung des christlich-fundamentalistischen Gouverneurs des „Swingstates“ Indiana, Mike Pence, zeigte allerdings, dass auch ein Donald Trump letztlich gegenüber dem etablierten Politisch-Wirtschaftlichen-Komplex, der eben in Amerika doch mehr Geldmittel im Rücken hat als der – angebliche – Milliardär, seinen erwarteten Knicks machen muss.

Auch deshalb glaubten viele Wahlbeobachter, der Rechtspopulist, welcher in der Vergangenheit durchaus liberale Ansichten vertreten hatte und Millionen an die Wahlkämpfe der Clintons spendete, würde nach der aggressiv und rechtsextrem geführten Vorwahl in der Hauptwahl einen deutlich moderateren Hauptwahlkampf führen. Die Rede, die der republikanische Kandidat auf dem Parteitag am Donnerstagabend hielt, belehrte sie jedoch eines Besseren.

Schon das Bühnenbild erinnert an Szenerien aus den Dystopischen Filmklassikern 1984, V wie Vendetta, oder aber an eine Neuauflage des Nürnberger Reichsparteitags: Zu viele amerikanische Flaggen, ein einzelnes Rednerpult, das zum absoluten Zentrum der konservativen Bewegung wird, und im Hintergrund in der goldenen Schrift seiner Marke, der leuchtende Schriftzug „TRUMP“. Mit Gigantomanie war jedoch zu rechnen gewesen.

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Der Nürnberger Reichsparteitag der NSDAP wurde in Cleveland, Ohio in die Moderne übertragen. Protz und Gigantomanie a la Trump beherrschen das Bild.

Als dann die Tochter des Kandidaten, Ivanka Trump, prinzessinnengleich die Bühne für sich einnimmt, um ihren Vater anzukündigen, kommt der erste Schock: Ihre Rede strotzt von moderaten und liberalen Positionen. So spricht sie von Schulden aus Studentenkrediten, die das Land lahmlegten, von der Gleichbehandlung von Männern und Frauen in Politik und Arbeitswelt, vom Ende rassistischer Diskriminierung sogar. Wie sie so makellos dastand und unter falschen Vorzeichen ihrem Vater eine Laudatio hielt die im schärfsten Kontrast zu kommenden Rede ihres Vaters stehen würde, erinnerte sie nicht wenige an Margery Tyrell aus der preisgekrönten Serie „Game of Thrones“, die als Verlobte des grausamen Kindkönigs Joffrey, stets im Volk sein Loblied sang.

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Donald Trumps Tochter Ivanka. Als makellose Laudatorin für ihren Vater hielt sie eine Rede, die in ihrer Liberalität im argen Kontrast stand zu den Positionen ihres Vaters.

Ivanka Trump war dementsprechend die perfekte Laudatorin für ihren Vater, nicht nur, weil sie außerordentlich attraktiv und charismatisch ist, sondern auch weil sie eine Frau ist: Insbesondere amerikanische Frauen stehen dem republikanischen Kandidaten berechtigterweise enorm skeptisch gegenüber. Ivanka soll das wohl ändern. Wenn sie dabei auch noch den einen oder anderen Moderaten durch ihr liberales Auftreten, überzeugt, umso besser für die Trump-Kampagne. Hörte man ihre Rede, tendierte man zunächst jenen zuzustimmen, die an eine Liberalisierung des Wahlkampfes glaubten, und irrte sich damit gewaltig.

Ärger hätte der Bruch zwischen der verhältnismäßig liberalen, mit anmutiger Gelassenheit vorgetragenen Laudatio, und der Hauptrede an jenem Abend nämlich nicht sein können: Die Akzeptanzrede Donald Trumps strotzte nur so von politischen Lügen, Ungenauigkeiten, faschistischen Klischees und erzkonservativen Pflichtthemen.

Wie jeder Faschist der Geschichte – wenn man beim Bild vom Nürnberger Reichsparteitags bleiben will – begann auch Trump seine eigentliche Rede, direkt nach der – wenig überraschenden – Akzeptanz der Nominierung, damit Angst zu verbreiten und von mangelnder Sicherheit zu schwadronieren. Er bediente sich dabei nicht nur verfälschten oder nichtssagenden Zahlen, sondern auch allerlei rührender Geschichten sowie der Verteufelung der Anti-Polizeigewalt-Bewegung „Black Lives Matter“ und einer Solidaritätsbekundung mit den amerikanischen Polizeikräften. Lösungen für Gewalt und Kriminalität nannte er nicht, er hatte keine. „USA, USA, USA!“, Rufe schallen dennoch aus dem aufgeheizten Publikum.

Überhaupt blieb Trump absolut unpräzise in seiner Rede, sprach Probleme an, die teilweise nicht existierten, bot aber niemals Lösungen an, wobei er immer wieder zurück kam zu drei Themen: Innere Sicherheit, Xenophobie – „BUILD THAT WALL, BUILD THAT WALL!“, und Terrorbekämpfung im nahen Osten – „We will win great, and we will win fast!“. Amerika zuerst, so lautete das Thema der Rede wahrscheinlich. Er wolle Amerika wieder reich – „USA, USA, USA!“, sicher – „BUILD THAT WALL, BUILD THAT WALL!“ und stark – „USA, USA, USA!“ machen, so Trump. Ins Detail ging er bis zum Schluss nicht, es ist schließlich das Privileg des Populisten, keine differenzierten politischen Pläne haben oder gar erläutern zu müssen!

Die mangelnde politische Spezifikation und enorme Redundanz seiner Rede, gepaart mit dem Umstand, dass seine Rede zu lang, vollständig gescriptet und abgelesen war, führte schließlich allerdings auch dazu, dass die Parteitagsrede eine der langweiligsten Reden des Kandidaten bisher war. Was insofern ein Hoffnungsschimmer ist, als dass die Popularität des Grenzfaschisten Trump in weiten Teilen mit seinem Unterhaltungsfaktor zusammenhängt. Man könnte sogar argumentieren, dass die Laudatio, die seine Tochter auf Donald Trump hielt, handwerklich die bessere Rede war!

Unheimlich allerdings war allerdings die Reaktion auf die Rede: Die Sprechchöre des Publikums, das sich durch den Agitator in einer solchen Weise aufstacheln ließ, dass mehrere Anwesende Journalisten später sagten, ihnen sei es eiskalt den Rücken herunter gelaufen, bei dem Gedanken dieser Mann könnte demnächst das mächtigste politische Amt der Welt innehaben.

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Die Rede von „The Donald“ war voller politischer Lügen, republikanischer Klischees und Ungenauigkeiten.

Die These, Donald Trump werde nach dem angespannten Vorwahlkampf, in dem er sich insbesondere gegen den Tea-Party-Fundamentalisten und Verschwörungstheoretiker Ted Cruz behaupten musste, im Hauptwahlkampf signifikant moderatere Positionen vertreten, dürfte jedenfalls endgültig zu den Akten gelegt werden können.