Die Weißweinkolumne: Wer verdient am MHD?

Es ist ein warmer und sonniger Samstagnachmittag Ende April. Nachdem ich kurz bei der Demonstration gegen den AfD-Parteitag gewesen bin (ohne in Haft genommen zu werden), setze ich mich mit einer kühlen Flasche französischem Chablis in den Garten, um mir die Sonne auf die fußballfeldgroße Stirn scheinen zu lassen. Doch was ist das? Ich verspüre leichten Appetit, ein frischer Salat wäre nun genau das Richtige.

Im Kühlschrank finde ich einen Eisbergsalat, der äußerlich wirkt, als könnte Friedrich der Große ihn geerntet haben,  und einen Joghurt, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum seit dreizehn Tagen abgelaufen ist. Sonst nichts. ‚Schöne Scheiße! Ach… Was soll’s?‘ Ich schäle die äußersten Blätter vom Urgroßvatersalat ab und siehe da, er sieht schon fast wieder essbar aus. Nur bei dem Joghurt für die Salatsoße habe ich echte Bedenken, die drucken da ja kein beliebiges Datum nach Lust und Laune drauf, oder doch? Und wer sind eigentlich die? Die Regierung? Die Men in Black? Nein, während ich (nur zur Sicherheit) die Abzugshaube einschalte, ehe ich sehr behutsam den Deckel vom Joghurtbecher abziehe, fällt mir ein, dass das MHD von den produzierenden Lebensmittelkonzernen selbst aufgedruckt wird. Ich halte die Luft an. Nichts. Kein tödliches Gas entweicht dem Becher, zumindest kein sichtbares. Vorsichtig schnüffle ich am Joghurtbecher. Er riecht nach relativ wenig, ein bisschen nach Joghurt vielleicht. Dem Universum dankend, dass ich bisher noch lebe sinniere ich darüber, ob es für Unternehmen sinnvoll wäre möglichst kurze Mindesthaltbarkeitsdaten auf ihre Produkte zu drucken.

Würde ich Joghurt verkaufen, würde ich es jedenfalls so machen: Ein Joghurt hat ja selbst keine Ahnung, wie lange er tatsächlich haltbar ist, so bleibt dem Verbraucher als Leitfaden nur das MHD und je kürzer dieses ist, desto eher wird ein Konsument gekaufte Lebensmittel (natürlich ausgepackt in der Bio-Tonne) entsorgen und durch Frische ersetzen. Brillant. Warum ist auf dieses Geschäftsmodell vorher noch niemand gekommen? Zaghaft probiere ich einen Löffel des potentiell tödlichen Joghurts und lebe – überraschenderweise – weiter. Derweil ich das Dressing zubereite und mir langsam klar wird, dass mein Mittagessen mich nicht töten will, fällt es mir zu, dass ich unmöglich der Erste sein kann, dem dieses durchaus brillante Geschäftsmodell eingefallen ist.

Ich beschließe nun häufiger „abgelaufenen“ Joghurt zu essen, einfach aus Protest. Fakt ist schließlich, dass ein Viertel der produzieren Lebensmittel einfach entsorgt werden, was besonders traurig ist, wenn es sich um tierische Speisen handelt. Nein, dieses System werde ich nicht länger unterstützen.

In diesem Sinne: Prost!

PS.: Joghurtdressing und Salat waren exzellent.

Weißweinkolumne: Es ist nicht leicht Linker zu sein.

Linker zu sein ist nicht leicht: Im einen Moment fragt man sich, ob man zu moderat, zu weit rechts ist, wenn man vorsichtig anregt, dass auch andere EU-Staaten sich etwas stärker an der Flüchtlingshilfe beteiligen könnten, aber noch während man darüber reflektiert, brüllt aus irgendeiner dunklen Ecke des Parteiapparates ein Verschwörungstheoretiker seinen faschistoiden Wahnsinn in die Welt.

Es ist nicht leicht Linker zu sein, wenn sich die Parolen der rechten und linken Radikalen nur noch in Nuancen unterscheiden, wenn Linke sich Nationalkommunisten nennen, weil Nationalsozialist so ein unschönes Wort ist. Was Karl Liebknecht wohl denken würde, wenn er wüsste, dass Nationalisten in seiner Partei offen gegen Antifaschisten hetzen und stumpfes Deutschtum propagieren? Der Nationalismus ist der Feind des Friedens, Liebknecht wusste das, die Linken scheinen es vergessen zu haben.

Es ist nicht leicht Linker zu sein, wenn ich an meinen Großvater denke, der im zweiten Weltkrieg sein Bein, seine Jugend, seine Träume und beinahe seinen Verstand verlor. Er kämpfte in einem Krieg, an den er glaubte, zumindest am Anfang. Er glaubte die Hetzparolen der Nationalisten. Er glaubte sie alle. Er glaubte sie bis tief in die russische Taiga, wo er zum Antifaschisten wurde, als er als junger Offizier die Gräuel der SS bezeugte und niederschrieb. Seine Tagebücher, die heute Museumsstücke sind, zeigen nicht nur die Schrecken eines verlorenen Krieges, sie zeigen auch das Verzweifeln eines jungen Mannes an der Indoktrination der Deutschtümler. Was mein Großvater wohl erwidern würde, wenn man ihn heute einen Antideutschen hieße, obwohl er für dieses Land soviel aufgeben musste?

Es ist nicht leicht Linker zu sein, wenn selbsternannte Sozialisten gegen Schwule und „Gendermainstreaming“ ins Feld ziehen. Was Rosa Luxemburg wohl denken würde, wenn sie wüsste, dass Frauenrechte in ihrer Partei mit Füßen getreten werden? Wer die „klassische Geschlechterlehre“ propagiert, der ist kein Sozialist. Man kann nicht progressiv und „wertkonservativ“ zugleich sein, entweder man ist fortschrittlich oder man ist es nicht.

Es ist nicht leicht Linker zu sein, wenn der Bundestagsabgeordnete Diether Dehm sich intellektuell mit Verschwörungstheoretikern wie Ken Jebsen gemein macht, während Deutschland darüber diskutiert, ob ein Linker für Flüchtlingskontingente sein darf.

Es ist zum Verzweifeln Linker zu sein! Manchmal sitze ich abends vor meinem vierten Glas Grauburgunder und spreche mantrahaft die Grundsätze der linken Bewegung vor mich hin bis ich in einen unruhigen Schlaf sinke: Frieden, soziale Gerechtigkeit, Humanismus, Pluralismus, …, …