Fortschritt in der Drogenpolitik: Cannabis gibt es jetzt auf Rezept.

Berlin. Der deutsche Bundestag beschloss am Donnerstag einem Gesetzesentwurf von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) zuzustimmen, demnach schwer kranke Patienten künftig Cannabismedikamente auf Rezept in der Apotheke erhalten können. Die Kosten hierfür wird künftig die gesetzliche Krankenversicherung tragen. Der Entschluss fiel einstimmig!

Bisher waren Cannabisprodukte nur mit Ausnahmegenehmigung als Medikament erlaubt, die Kosten mussten meist selbst übernommen werden. Eine solche Sonderlizenz des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, die es erlaubt, Cannabis legal in der Apotheke zu erwerben, hatten im vergangenen Jahr nur knapp 700 Personen – zumeist Patienten mit chronischen Schmerzerkrankungen.

Mit dem neuen Gesetz werden nicht nur Cannabisarzneimittel auch für jene erschwinglich, die nicht soviel Geld haben, auch die Sondergenehmigung wird obsolet: Künftig können Extrakte und getrocknete Blüten der Cannabispflanze in kontrollierter Qualität – ein echter Vorteil zum Hinterhofdealer – auf ärztliche Verschreibung hin erhalten. Weiterhin können Fertigarzneimittel auf Cannabisbasis verschrieben werden. Für Krankenversicherte wird zudem ein Anspruch auf Versorgung mit den Wirkstoffen Dronabinol oder Nabilon geschaffen.

Das Gesetz beschränkt sich im Wortlaut allerdings noch immer auf „eng begrenzte Ausnahmefälle“, womit Patienten mit schwerwiegenden Erkrankungen und ohne Therapiealternativen gemeint sind. Die Neuregelung stellt also noch keinen „Sieg auf ganzer Linie“ dar, da Cannabis beispielsweise immer noch nicht als Alternative zu „harten“ Schmerzmitteln auf Opiatbasis (wie Morphium) zugelassen ist.

Um eine Versorgung mit medizinischem Marihuana sicherzustellen, wird dessen Anbau zu therapeutischen Zwecken schrittweise erlaubt. Dazu soll eine staatliche „Cannabisagentur“ geschaffen werden, die den Anbau und Vertrieb kontrollieren und steuern soll. Die Schaffung der Agentur wird Aufgabe des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte sein.

Zusätzlich ist, um die genaue medizinische Wirkung der Cannabisarzneimittel zu untersuchen, eine Begleitstudie vorgesehen, wobei die Teilnahme an der Erhebung für die Erstattung der Kosten durch die gesetzlichen Krankenkassen obligatorisch sein wird.

Weiterhin strafbar ist allerdings das Führen von Kraftfahrzeugen unter Cannabiseinwirkung. Wer Cannabis eingenommen hat – auch medizinisches – darf ein ganzes Jahr kein Auto fahren. Wobei der Cannabiswirkstoff THC und seine Stoffwechselprodukte so lange gar nicht nachweisbar sind:

Je nach Dosierung ist THC etwa 7 bis 12 Stunden lang im Blut nachweisbar, maximal jedoch 27 Stunden. Das Stoffwechselprodukt THC-COOH ist 3-7 Tage lang nachweisbar, bei häufigem Konsum mehrere Wochen. Im Urin ist THC-COOH bei einem einmaligen Konsum 3-5 Tage und bei regelmäßigem Konsum 4-6 Wochen feststellbar. In einer klinischen Untersuchung eines Cannabis-Konsumenten wurde festgestellt, dass dieser erst nach 77 Tagen wieder frei von THC-COOH war. Dieser Zeitraum gilt gemeinhin als Maximum. Bis die Konzentration von THC bzw. THC-COOH im Blut nach der Einnahme von Cannabis unter den verkehrsrechtlich relevanten Grenzwert von 1,0 Nanogramm THC / ml Blut fällt, bedarf es bis zu zehn Tagen der Abstinenz – bei zuvor regelmäßiger Einnahme.

Einzig im Haar ist Marihuanakonsum quasi unbegrenzt nachweisbar – sofern der Konsument sich seit dem Konsum nicht die Haare hat schneiden lassen.


Am Donnerstag wurde ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung getan: Patienten ohne andere Hoffnung werden künftig die Möglichkeit haben, sich durch Cannabiskonsum legal Linderung zu verschaffen – ohne dadurch den finanziellen Ruin fürchten zu müssen. Das ist ein wichtiger Schritt, allerdings bei weitem noch nicht genug.

In einem nächsten Schritt muss Cannabis als Alternative zu opiatbasierten Schmerzmitteln weiter erforscht werden – was hoffentlich im Rahmen der staatlichen Begleitstudie geschieht. Andernfalls werden sich weiterhin zahlreiche chronisch Kranke gezwungen sehen, statt in der Apotheke qualitativ geprüftes (aber verhältnismäßig teuren) Cannabis zu erwerben, auf den Dealer um die Ecke auszuweichen.

Außerdem ist die Strafbarkeit auf der Konsumseite endlich abzuschaffen – dazu gehört auch, den reinen Besitz von Cannabis nicht länger unter Strafe zu stellen. Der Gesetzgeber muss deutlich machen: Drogenkonsum und -missbrauch sind in erster Linie medizinische Fragen, keine strafrechtlichen.

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