Emnid: 52% wollen Flüchtlingsabkommen mit der Türkei kündigen, 69%wollen nicht dafür zahlen. – Vom Umfrageblödsinn.

Berlin. Legt man zwei unterschiedliche – aber thematisch überlappende – Politikumfragen neben einander, so kommt man teilweise zu erstaunlichen Ergebnissen. So geschehen am Sonntag: Nach einer aktuellen Emnid-Umfrage lehnt ein großer Teil der Deutschen das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei ab, über zwei Drittel der Deutschen sind demnach sogar für die sofortige Einstellung der damit verbundenen Zahlungen.

52 Prozent der Befragten hätten demnach für eine Aufkündigung der Vereinbarung gestimmt, 35 Prozent seien dagegen, hieß es. Für den sofortigen Stopp der Milliarden-Zahlungen der EU an die Türkei im Rahmen des Abkommens stimmten sogar 69 Prozent der Befragten.

In dem Flüchtlingsabkommen mit der EU verpflichtet sich die Türkei, illegal von ihrem Territorium aus in die EU eingereiste Flüchtlinge zurückzunehmen. Für jeden Syrer, der zurückgebracht wird, kann die Türkei einen Syrer in die EU schicken. Im Gegenzug erhält die Türkei zunächst drei Milliarden Euro an Hilfen. Darüber hinaus wurden der Türkei bei Erfüllung bestimmter Bedingungen Visafreiheit für ihre Bürger in der EU und beschleunigte Beitrittsgespräche in Aussicht gestellt.

Parallel zu der Emnid-Umfrage ergab eine Umfrage im Rahmen des „ARD-Deutschlandtrends“, dass rund 65 Prozent der Deutschen nicht mit dem Flüchtlingskurs der Bundeskanzlerin einverstanden sind. Die offensichtliche Überlappung ist dabei kaum zu erklären: Ein Teil derer, die das Flüchtlingsabkommen, welches derzeit hauptverantwortlich für die Verlangsamung des Flüchtlingsstroms ist, kritisieren die „liberale“ Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. Zu verstehen ist das kaum.

Mir beiden Untersuchungen gibt es allerdings zwei essentielle Probleme: Erstens war bei beiden Umfragen, obgleich sie als repräsentativ bezeichnet werden, die Gruppe der Befragten recht klein (502 Befragte bei der Emnid-Umfrage, 1003 Befragte beim ARD-Deutschlandtrend), und zweitens sind sie Blödsinn: Die gestellten Fragen aufgrund ihrer Komplexität kaum für einen binären Fragebogen geeignet: Viele sind mit Teilen der Flüchtlingspolitik einverstanden, mit anderen aber nicht, antworten dann aber eher mit nein, selbst wenn eine „neutral“-Option gegeben ist (statistische Tendenz zur Ablehnung bei Unsicherheit). Zumal fraglich ist, ob jeder Befragte den derzeitigen Kurs der Bundesregierung in der Flüchtlingsfrage kannte.

Zwar ist die Umfragewut der Medien durchaus verständlich, will man doch auch die „Volksmeinung“ darstellen, allerdings ergibt es nicht immer Sinn, komplizierte politische Themen auf geschlossene „ja oder nein“ Fragen herunter zu brechen, zumindest nicht, wenn die Ergebnisse dieser Umfragen danach politisch bewertet werden sollen. So ist zwar ist die wachsende Abwehrhaltung gegenüber einer offenen Flüchtlingspolitik interessant in Hinblick darauf, wie das mediale Terrornarrativ zu den Gewaltausbrüchen in Süddeutschland offenbar die öffentliche Meinungstendenz beeinflusst, zu mehr ist sie aber nicht geeignet. Dennoch haben es sich Journalisten zur Aufgabe gemacht aus der Beantwortung jeder noch so unwissenschaftlichen Fragestellung gar unfassbare Schlüsse zu ziehen. An all diese Journalisten sei folgender Rat gerichtet: Umfragen sind gut und schön, um ein allgemeines Meinungsbild abzufragen, aber man sollte in diese auch nicht zu viel hinein interpretieren – es gibt wichtigeres! Wenn übrigens an einer Umfrage, die das gesamte Land repräsentieren soll, nur 500 Menschen teilgenommen haben, wäre es journalistischer Imperativ darauf hinzuweisen, dass hier ein Befragter für rund 160.000 Menschen spricht und die Fehlertoleranz entsprechend hoch ist, es reicht in so einem Fall nicht, am Ende eine Artikels zu erwähnen: „An der Umfrage nahmen 500 Bundesbürger teil.“

Ein weiteres Beispiel für den Umfrageblödsinn ist die Sonntagsfrage: In Deutschland gibt es Institute, die Menschen dafür bezahlen, dass sie – Woche für Woche – Menschen darüber befragen, welche Partei sie derzeit in den Bundestag wählen würden. Nicht selten erscheinen auf diese Weise an mehreren Tagen der Woche Wahlumfragen verschiedener Institute, die häufig zu abweichenden Ergebnissen kommen, die aber dennoch in manchen Medien alle Erwähnung finden. Das ist schon kein Umfrageblödsinn mehr, das ist schlichter Wahnsinn. Intelligente Journalisten versuchen dann Trends zu erkennen, wo keine sind, und erklären Schwankungen von 2 Prozent seit der Vorwoche, die im Regelfall noch innerhalb der statistischen Fehlertoleranz liegen, zu Abstürzen oder Aufstiegen von Parteien. 

Eines lässt sich allerdings tatsächlich aus der vorliegenden Umfrage zum Flüchtlingsabkommen erkennen: Deutsche scheinen tendenziell keine Fans der türkischen Politik zu sein.

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