Weißweinkolumne: Warum Rhetorik im Internet unnütz ist. – Vom Verhalten der Netizens und dem „Bubble-Effekt“

Als besonderer rhetorischer Kniff gilt es, eine These – die man selbst nicht vertritt – aufzustellen, damit zu provozieren, und diese These dann mittels geschickter Argumentation zu widerlegen. Ich selbst verwende diesen Kniff hin und wieder, wenn besonders abstruse Hypothesen zur Debatte stehen. Denn in der Regel ist dieses rhetorische Konstrukt optimal geeignet, die Argumente der „Gegenseite“ effektiv ad absurdum zu führen. Im Netz dagegen erweist sich diese Form als ungeeignet.

Prinzipiell ist ein solcher Argumentationsaufbau politisch durchaus clever: Ausgehend von der These des Gegners, die zu Beginn eines Artikels – oder einer Rede – erläutert wird, wird der Leser – oder Zuhörer – zur Position des Autors – beziehungsweise des Redners – geführt. Man könnte sagen: Statt zu erörtern, warum er selbst richtig liegt, belegt der Autor seinem politischen Gegner, warum dieser falsch liegt. In der digitalen Welt funktionieren derartige rhetorische Mittel allerdings meist nicht. Was insbesondere daran liegt, dass viele Nutzer Artikel nur überfliegen, oder überhaupt nur die Überschriften von Beiträgen lesen – diese aber oft genug trotzdem kommentieren, teilen oder „liken“.

Im Juni wurde dieses Verhalten von der Columbia University sogar in einer Studie sehr gut quantifiziert. Demnach werden 59 Prozent der geteilten Links in sozialen Netzwerken nicht einmal angeklickt. Zu diesem Ergebnis kamen Forscher der amerikanischen Universität, die dazu über 30 Tage insgesamt 2,8 Millionen Tweets zu 59.000 Inhalten von der BBC, der Huffington Post, CNN, der New York Times und Fox untersuchten. Interessant auch: Von Privatpersonen geteilte Links waren proportional zu den „Followern“ des jeweiligen Social Media Accounts wurden signifikant häufiger angeklickt als von Medienplattformen geteilte Links.

Hinzu kommt, was ich gerne den „Bubble-Effekt“ nenne: Dieses Phänomen entsteht im Netz insbesondere durch die Algorithmen von Sozialen Medien und Suchmaschinen, welche die Interessen der Nutzer auswerten und ihm dementsprechende Seiten, Artikel, Anzeigen und Personen vorschlagen. Zeigt ein Nutzer also beispielsweise durch seine Suchen, seine abonnierten Seiten und geteilten Inhalte ein besonderes Interesse für Katzen, so werden Google, Facebook und Co. diesem Nutzer mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere Katzenthemen vorschlagen – und (um in der Metapher zu bleiben) wenige Hundethemen.

Dies hat – vor allem für Werbetreibende – durchaus Vorteile, weil Nutzer, da sie sich für vorgeschlagene Themen eher interessieren, mit höherer Wahrscheinlichkeit empfohlene Links anklicken (targeting). Politisch allerdings ergibt sich daraus eine kritische Situation: Internetnutzer mit progressiven Positionen werden eher progressive Themen vorgeschlagen, jedoch kaum konservative und vice versa.

Die Algorithmen der Internetriesen zwingen Netizens dementsprechend in eine Blase, in der diese politisch meist nur bestätigt, aber selten herausgefordert werden. In diesem Umfeld der Blasen jedoch ist politische Rhetorik zum größten Teil obsolet. Denn ein Autor muss in diesem Umfeld die Masse seiner Leser nicht überzeugen und den größten Teil der Übrigen – der politischen Gegner – kann er kaum überzeugen, weil sie durch ihre Blase stärker beeinflusst werden als durch einen einzelnen Eindringling in diese.

Beides sind Gründe, weshalb ich mir „clevere“ rhetorische Kniffe künftig sparen sollte, so ich nicht will, dass Rechtsextreme meine Artikel auf Facebook lobpreisen, wenn sie nur die provokante Überschrift lesen. Ich werde es wohl dennoch tun, schon weil ich Sprache und der Umgang mit ihr auch dem Schreiberling Freude bereiten muss. Politisch mag das falsch – oder wenigstens unnötig – sein, sprachkonservatorisch jedoch ist es unerlässlich.

Der „Bubble-Effekt“ ist übrigens der Grund, weshalb ich mittlerweile schätzungsweise mehr konservative Quellen lese als progressive: Ausgewogenheit beginnt bei der Recherche!

In diesem Sinne: Prost!

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