Amoklauf in Reutlingen – Und wieder kein Terroranschlag.

Reutlingen. Es war für Süddeutschland eine Woche der Amokläufe und mutmaßlichen Terrorakte, während am Sonntag allerdings die nationale Aufmerksamkeit auf einem mutmaßlichen fehlgeschlagenen Terroranschlag im mittelfränkischen Ansbach lag, ereignete sich im schwäbischen Reutlingen ein Amoklauf, bei dem tatsächlich jemand getötet wurde: Ausgerechnet eine schwangere Frau.

Ein 21-Jähriger griff sie offenbar am Sonntagnachmittag gegen 16:30 am Zentralen Omnibusbahnhof mit einer Machete an. Bevor er die Frau tötete, hatten die beiden offenbar laut gestritten. In seinem Gewaltausbruch verletzte der junge Mann außerdem fünf weitere Personen, nach Angaben der Polizei waren sie Zufallsopfer. Der mutmaßliche Täter, ein syrischer Asylbewerber, wurde festgenommen. Laut Augenzeugenberichten sei er „völlig von Sinnen“ gewesen, demgemäß scheint der Begriff Amoklauf durchaus passend.

Gestoppt wurde der Gewalttäter schließlich von einem türkisch-stämmigen Augenzeugen, indem er den Flüchtenden mit dem Auto bewusst anfuhr. Der Autofahrer hatte die Bluttat zuvor beobachtet und sein Auto auf den Angreifer gesteuert. Der Täter zog sich dabei schwere Verletzungen zu und konnte deshalb bisher nicht vernommen werden. „Er ist derzeit nicht vernehmungsfähig und wird von der Polizei bewacht“, heißt es aus Polizeikreisen. Der Festgenommene sei schon wegen mehrfacher Körperverletzung und anderer Taten polizeilich aufgefallen, heißt es.

Nachdem es zunächst aufgrund der Herkunft des Mannes vereinzelt im Internet Meldungen von einem weiteren Terroranschlag gegeben hatte – wie könnte es auch anders sein, geht die Polizei derzeit von einer Beziehungstat aus. Für diese Theorie lägen „erste Anhaltspunkte“ vor, teilten die Ermittlungsbehörden in der Nacht zum Montag mit, demgemäß sei der 21-Jährige ein Einzeltäter. Auf fremdenfeindliche Kommentare im Internet, reagierte die Polizei Reutlingen mit der Feststellung, die Herkunft spiele für den Tathergang keine Rolle. „Aber wir nennen Ross und Reiter.“ Wohl auch, weil es zuvorhäufiger aus dem rechtsextremen Lager zu Anschuldigungen gekommen war, Ermittlungsbehörden schützten ausländische Täter, indem sie deren Identitäten geheim hielten.

Das 45-jährige Opfer aus Polen sei von dem Mann tödlich am Kopf verletzt worden. Insgesamt wurden durch den Täter und während dessen Flucht den jüngsten Angaben zufolge fünf Menschen verletzt und in Krankenhäuser gebracht. Zwei Frauen im Alter von 51 und 54 Jahren wurden demnach am Kopf verletzt, eine 51-Jährige am Unterarm. Ein 41-jähriger Mann und eine 21 Jahre alte Frau wurden stationär aufgenommen, weil sie unter Schock standen.

Die Reaktionen auf die Tat, vor allem im Internet zeigen einmal mehr, dass viele Deutsche gerne, statt von der einfachsten Erklärung für Gewalt auszugehen, in jedem Blutbad einen Angriff auf Deutschland und einen terroristischen Akt sehen würden. Jeder Mord, jede Gewalttat ist eine Tragödie, aber es kann nicht hilfreich sein, dass nach jeder solchen Tat, wenn sich zufällig ein Ausländer im Netz der Ermittler fängt, die Asylpolitik der Kanzlerin angegriffen wird, ehe man sich nur einen Moment Gedanken über die Opfer macht.

Rechtsextreme werfen der Linken häufig vor, Täterschutz statt Opferschutz zu betreiben, der Rechten sind aber die Opfer schnurzegal, nutzt sie doch jede Gewalttat, um ihre menschenverachtenden politischen Thesen unter die Leute zu bringen. Polizeiliche Ermittlungen abzuwarten, ehe man seine Schlüsse zieht, hat aber noch nie geschadet, andernfalls macht man sich – wie in diesem Fall – nur politisch lächerlich, wenn man hinter jeder Ecke den islamistischen Dschihadisten hervorlugen sieht.

Zuvor hatte es Anfang vergangener Woche bereits ein Attentat auf einen Regionalzug in Würzburg gegeben, dann einen sogenannten Amoklauf in München, und am Sonntagabend, nach der Tat in Reutlingen, einen mutmaßlichen Terroranschlag im fränkischen Ansbach. Da die Sozialforschung davon ausgeht, dass die Berichterstattung über derlei Taten, gerade bei erweiterten Selbstmorden oder Amoktaten, zu weiteren Taten führen kann – das ist der sogenannte Werther-Effekt, ist nicht auszuschließen, dass die Tat in Würzburg, die offenbar tatsächlich radikalislamisch motiviert war, indirekt die Folgetaten auslöste. Über diesem möglichen Zusammenhang jedoch wird in den Medien kaum spekuliert, schließlich müsste man sich dann mit der eigenen Verantwortung auseinandersetzen.

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