Milites Templi – Erster Teil: Gott will es! – Der erste Kreuzzug und die Anfänge der christlichen Ritterschaft.

„Non nobis Domine, non nobis, sed nomini tuo da gloriam!“ – Psalm 115,1; Motto der Templer.

Vorwort.

„Milites Templi“, der Titel der vorliegenden Schriftenreihe war einst auch der Titel einer Päpstlichen Bulle vom 9. Januar 1144, mit der Papst Coelestin II. die Regeln des Templerordens bestätigte und diesem zusätzliche Privilegien einräumte. Weiterhin sollte die Bulle dem Ritterorden die Unterstützung des klerikalen Standes zusichern. Als Erweiterung der Anerkennung des Ordens durch Papst Honorius II. und der Bulle „Omne datum optimum“, mit der Papst Innozenz II. den Orden direkt dem Papst unterstellte und ihm das Recht zur Einnahme von Steuern, zur Beerdigung von Ordensmitgliedern sowie zur Errichtung von Kirchenbauten einräumte, gehört „Milites Templi“ zu den wichtigsten Dokumenten, welche die spätere Mach des christlichen Ritterordens begründeten. Die Wahl dieses Titels erscheint deshalb nicht nur aus klanglichen Gründen angemessen, wenn man sich mit der vielleicht mysterienumwobensten Organisation des Mittelalters beschäftigt.

Um kaum eine andere Gruppierung ranken sich so viele Mythen, Legenden und Verschwörungstheorien, wie um die Templer. Die folgende Schriftenreihe soll jedoch den über die Jahrhunderte entstandenen Templermythos größtenteils beiseite lassen und stattdessen auf möglichst unterhaltende Weise Einblicke in die wahre, anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse nachprüfbare Geschichte des christlichen Ritterordens vermitteln. Dabei soll auch gezeigt werden, dass belegbare Geschichte in Sachen Spannung durchaus mit jeder Verschwörungstheorie mithalten oder diese gar übertreffen kann.

Kapitel I: Der Islam gehört zur europäischen Kulturgeschichte.

Wer die Geschichte der Kreuzzüge und der Tempelritter erzählen will, kommt nicht umhin die Geschichte der ersten Begegnungen der drei großen abrahamitischen Weltreligionen, des Christentums, des Judentums und des Islams zumindest anzuschneiden. Hierzu gehört auch die Historie der muslimischen Herrschaft über die Iberische Halbinsel und Teile Südfrankreichs, welche vom Beginn des achten bis mindestens zum Ende des neunten Jahrhunderts  kulturell, wissenschaftlich und wirtschaftlich die fortschrittlichsten Teile Europas waren. Das verdankten die Regionen allein den arabischen Besatzern, welche die Region „Al-Andalus“ nannten.

Ausdehnung der Islamischen Herrschaft.Ein Blick auf die Karte zeigt, eindrücklich die immense Ausdehnung des islamisch beherrschten Gebiets. Binnen zwei Jahren hatten maurische Truppen mit Ausnahme Asturiens, Galiziens und Kataloniens ganz Spanien unterworfen. Im Jahr 719 erreichten die ersten die französische Stadt Avignon, eroberten Lyon und Narbonne. Wenige Jahre später fielen auch das Rhône- und das Saônetal sowie die Städte Carcassonne und Nîmes an die maurischen Besatzer. Im gesamten arabischen Herrschaftsgebiet wurde nun, fünfmal am Tag, wenn die Muezzins von den Minaretten zum Gebet riefen, Allah gehuldigt. Hier gehörte der Islam zumindest zeitweise untrennbar zu Europa.

Doch das arabische Besatzungsgebiet in Südwesteuropa war nur ein kleiner Teil des muslimischen Herrschaftsgebietes, dass sogar eine größere Ausdehnung erreichte als das römische Imperium.

Die arabische Kunst und der islamische Lebensstil flossen dabei in die iberische und südfranzösische Kultur rapide ein, schon weil die islamische Kultur der europäischen zu jener Zeit weit voraus war. Im damaligen Herrschaftsgebiet Al-Andaluz fand eine Symbiose zwischen orientalischer und okzidentalischer Lebensweise statt, wie es sie nie wieder gab. Einzig in den späteren Kreuzfahrerstaaten war es noch einmal zu derartigen kulturellen Annäherung gekommen.

Tatsächlich waren die arabischen Besatzer den christlichen Europäern in jeder Weise überlegen. Naturwissenschaftlich, medizinisch, hygienisch und musisch waren sie deutlich weiter entwickelt, als sämtliche europäischen Kulturen. Unter der Maurenherrschaft entwickelte sich in Südwesteuropa eine fortschrittliche pluralistische Gesellschaft, die andere Glaubens- und Lebensweisen in nie dagewesener Art akzeptierte und sich an ihnen befruchtete. So flossen schon damals viele arabische Worte in die romanische Umgangssprache ein, aus der später die Spanische und die Portugiesische Sprache hervorgehen würden. Latein wurde zunehmend zur Sprache für den Disput von Kirchengelehrten und die christliche Liturgie. Im elften Jahrhundert mussten sogar Konzilbeschlüsse für einen Teil des spanischen Klerus ins arabische übersetzt werden.

Denn auch vor klerikalen Kreisen machte die Vermischung der Kulturen keinen Halt, so waren Bischofsgewänder nicht selten im arabischen Stil hergestellt, in den Kathedralen durften Juden, Muslime und Christen gleichermaßen beten, Muslime brachten Christlichen Heiligen Opfer dar und selbst der spätere Papst Silvester II. vertiefte sich bei einer Reise, die er um 960 nach Katalonien unternahm, in die fortschrittliche islamische Wissenschaft, um diese später anderen Christen nahezubringen, was ihm leider weitestgehend misslang.

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Die Kathedrale von Córdoba, der früheren Moschee von Córdoba, herausragendes Beispiel für den arabischen Baustil im Al-Andalus.

Die maurischen Besatzer konnten auch deshalb so erfolgreich regieren, weil es von den christlichen Eliten zunächst kaum Widerstand gab, diese gingen flächendeckend von einer baldigen Apokalypse aus. Man glaubte, das Ende der Welt falle auf das Jahr 1000. Zunächst lehrten dies fanatische Wanderprediger, später wurde jedoch die nahende Apokalypse auch auf einem offiziellen Kirchenkonzil verkündet. Warum also hätte man sich auflehnen sollen gegen die arabische Herrschaft, die von vielen Glaubensgelehrten als weiteres Zeichen für den nahenden Weltuntergang gewertet wurde?

Als aber einzelne Gruppen aus unterschiedlichsten, meist persönlichen Gründen begannen, das weitgehend friedliche Miteinander der Religionen und Kulturen durch kriegerische Akte beenden zu wollen, begann die Vertreibung der Araber aus Europa, die sogenannte Reconquista, also die Rückeroberung Südwesteuropas durch das Christentum. Die Reconquista fing zunächst als eine Anhäufung unzusammenhängender Scharmützel an, erst als die römische Kirche den Arabern den offiziell Glaubenskrieg erklärte, nahm sie Schwung auf. Die Reconquista war wohl das erste kriegerische Ereignis, bei dem die Kirche behauptete, es sei dem Seelenheil zuträglich, im Kampf gegen Andersgläubige das Leben zu lassen. Jeder einfache Kämpfer wurde so in der christlichen Propaganda zum Märtyrer stilisiert.

In diesem Zusammenhang ist auch ein besonders cleverer propagandistischer Schachzug zu erwähnen: Die Erfindung des heiligen Jacobus (oder Santiago) als mythischer Schutzpatron der christlichen Reconquistadoren. Jacobus, ein Apostel Jesu, war im Jahr 44 nach Christus in Jerusalem zum Tode verurteilt worden. Er fand wohl auch in Jerusalem seine letzte Ruhe. Einige Quellen berichten jedoch von der Verfrachtung seiner sterblichen Überreste ins spanische Galizien, wo sie, so will es die Legende, welche wohl beeinflusst wurde durch kirchliche Meisterpropagandisten, um das Jahr 820 an Land gespült und wieder zum Leben erweckt wurden.

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Darstellung des Heiligen Jacobus in der Kathedrale von Kathedrale von Le Puy-en-Velay (13. Jahrhundert).

Von da an soll der heilige Jacobus immer dann mit flammendem Schwert im Kriegsgetümmel erschienen sein, wenn die christlichen Truppen einen Motivationsschub dringend nötig hatten. Die Propagandaschreiber erfanden sogar Schlachten, an denen Jacobus, der fortan den Ehrentitel „Matamoros“, Maurentöter, trug, teilgenommen haben soll. Weil jedoch gleich Dutzende von Kirchen für sich beanspruchten, die Gebeine des heiligen Jacobus zu besitzen, bedurfte es einer päpstlichen Erklärung, die sterblichen Überreste des Heiligen seien in Santiago de Compostela begraben, der Gemeinde, die später mittels Urkundenfälschung am stärksten zur Legendenbildung um den heiligen Jacobus beitragen würde. Bis heute pilgern deshalb unzählige Gläubige jedes Jahr auf dem Jakobsweg ins spanische Santiago de Compostela.

Als Mitte des elften Jahrhunderts die Päpste die Schirmherrschaft über die Reconquista übernahmen, hatte die Kirche mit dem Maurentöter Jacobus bereits das perfekte Idol für die spanischen Kämpfer geschaffen. Um weitere Freiwillige für den Kampf gegen die Araber zu gewinnen, sicherte die Kirche nun den Kämpfern der Reconquista auch noch den selben Sündenablass zu, wie den Teilnehmern an einer Wallfahrt zum Grab Jesu.

Es war das erste Mal in der Geschichte der Christenheit, dass die Tötung Andersgläubiger gleichgesetzt wurde mit einer Wallfahrt. Die Auswirkungen dieser Gleichsetzung sind dabei nicht zu unterschätzen: Plötzlich war es nach der Kirchenlehre jedem Gewalttäter möglich, sein Seelenheil aufzubessern, indem er im Namen Jesu Christi sein Schwert zückte. Daraus folgte in vielen Fällen eine religiöse Besessenheit, die von der Devise ausging, viele getötete Feinde bedeuteten viel himmlische Ehre. Die so entstandene Geisteshaltung führte ultimativ zur Idee des ersten Eroberungskrieges im Namen des christlichen Glaubens und damit zum ersten Kreuzzug, dem mindestens acht weitere folgen würden.

Das friedliche Miteinander der Religionen endete so jedenfalls allmählich, ein ähnlich friedfertiges Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen würde es lange Zeit nicht mehr geben, man könnte sogar argumentieren, bis heute hätten wir den Stand des kulturellen Miteinanders, der zur Zeit der arabischen Besatzung Südwesteuropas herrschte, nicht wieder erreicht. Eines sollte aber gewiss sein, wer heute brüllt, der Islam gehöre nicht zu Europa, der leugnet oder ignoriert wichtige Teile der europäischen Kulturgeschichte.

Kapitel II: „Gott will es!“ – Ein Papst ruft zum Krieg im Namen Gottes auf.

Der Beginn der historischen Kreuzzugsepoche lässt sich chronologisch so genau bestimmen, wie kaum ein anderes Ereignis des Mittelalters: Papst Urban II., seinerzeit in Konkurrenz mit dem kaiserlich erwählten Gegenpapst Clemens III. stehend, rief am 27. November 1095 auf einem Acker vor der französischen Stadt Clermont in der Auvergne dazu auf, den Christen im Osten zu Hilfe zu kommen, nachdem er Augenzeugenberichten zufolge deren Leiden äußerst eindrücklich beschrieben hatte. Er reagierte damit auf den Hilfsappell des byzantinischen Kaisers Alexios I. Komnenos, dessen Kirchenbann er nur sechs Jahre zuvor aufgehoben hatte.

Der Aufruf fand im Rahmen des Konzils von Clermont statt, scheinbar ohne vorherige Ankündigung, denn auf dem entsprechenden Tagesplan findet sich keinen Hinweis auf einen derart wichtigen päpstlichen Appell, was von Historikern jedoch als Tarnung aufgefasst wird, denn Urban hatte offenbar schon im Vorfeld mit zahlreichen französischen Adligen und geistlichen Würdenträgern verhandelt.

Überliefert ist vom päpstlichen Aufruf zum „Kreuzzug gegen die Ungläubigen“ am zehnten Tag des Konzils von Clermont, der etwa 53.jährige Pontifex habe die „Kraft eines Vierzigjährigen“ besessen und seine „tönende Stimme“ sei „über das gesamte Feld von Tausenden von Leuten gehört“ worden. Der Historiker und Templerexperte Dr. Manfred Barthel geht allerdings davon aus, dass Urban II. ein Mittel zuhilfe nahm, wie es bei vielen mittelalterlichen Großveranstaltungen genutzt wurde: Laut Barthel wurden vermutlich Benediktinermönche auf dem Feld verteilt, die den Menschen jeweils zu riefen, was der Papst sagte. Diese seien demnach vielleicht sogar auf die Kernsätze der Predigt eingeschworen worden, um den Effekt zu verbessern.

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Denkmal für Papst Urban II. in Clermont, wo er erstmals zum Kreuzzug rief.

Wie genau der Appell Urbans II. lautete lässt sich heute kaum noch nachvollziehen. So existieren vier verschiedene Überlieferungen, die jedoch alle nicht von Ohrenzeugen stammen, erst deutlich später niedergeschrieben und propagandistisch verfärbt wurden. Emblematisch wurde jedoch die Phrase „Gott will es!“, die fortan das gesamte christliche Abendland zur Teilnahme am ersten Kreuzzug befeuerte, obwohl der Papst sie nie ausgesprochen hatte. Eine absolute Erklärung für die unlogische Begeisterung hunderttausender militärisch meist unerfahrener Menschen, in einem unbekannten Land, tausende Kilometer entfernt Tod und Seelenheil zu suchen gibt es bis heute nicht. Hier dürften neben den Worten des Papstes und der Wanderprediger, die diese weiter verbreiteten, unzählige andere Faktoren eine Rolle gespielt haben.

Kaum bedacht wurde auch, dass die militärischen Kenntnisse der europäischen Feldherren kaum für mehr als die Eroberung einer Burg oder Stadt ausreichten. Wer dieses Problem aber bedachte, schwieg mehrheitlich aus bisher ungeklärten Gründen. Die Rolle des Papstes als höchste moralische Instanz, die zum Feldzug gegen die Ungläubigen gerufen hatte, dürfte aber dazu beigetragen haben.

Auch die Verbreitung der Hilfegesuche des oströmischen Kaisers Alexios I., die von Verlockungen nur so strotzten – der Papst selbst konnte ja schlecht mit der Aussicht auf profane Reichtümer werben, dürfte ihren Teil zum Kreuzzugsfieber beigetragen haben. In diesem Zusammenhang sei insbesondere ein Auszug aus einem Brief des Kaisers an den Grafen Robert von Flandern, in dem er diesen um seine Mithilfe gegen die Seldschuken bittet, erwähnt:

„Wenn Dir all dieser Ruhm nicht genügen sollte, bedenke, welche Schätze Du vorfinden wirst und dazu die schönsten Frauen des Orients. Die unvergleichliche Schönheit der griechischen Frauen sollte ausreichen, um die Heere der Franken nach den Ebenen Thrakiens zu locken!“ – Kaiser Alexios I. Komnenos an Robert Graf von Flandern.

Hintergrund des Briefes, wie auch des Hilfegesuchs an den Papst, war, dass sich der oströmische Kaiser in erster Linie Hilfe gegen die fanatischen Seldschuken erhoffte, die Anatolien, das byzantinische Kernland, in Beschlag hielten und sich dabei deutlich intoleranter gegenüber Christen zeigten, als die Araber auf der iberischen Halbinsel.

Um allerdings Papst Urban von dem Feldzug zu überzeugen bediente sich der Kaiser eines weiteren propagandistischen Tricks: Auf einem Konzil in der italienischen Stadt Piacenza ließ er im März 1095 dem Pontifex durch kaiserliche Gesandte die verzweifelte Lage des byzantinischen Reiches Klagen. Er ließ seine gesandten dabei allerdings von der Hilfe für Jerusalem sprechen, schließlich war ihm bewusst, dass Rom nicht an einem Wiedererstarken von Byzanz gelegen war.

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Darstellung von Alexios I. Komnenos aus einem griechischen Manuskript des 12. Jahrhunderts.

Jerusalem war zu diesem Zeitpunkt seit über 460 Jahren in der Hand von Muslimen, denen jedoch daran gelegen war, mit Juden und Christen friedlich zusammen zu leben, schon um die Handelsbeziehungen nicht zu stören. Schließlich war Jerusalem das Hauptziel christlicher Wallfahrer, von denen in der Stadt, die so gar nicht fromm und heilig, sondern eher wie der reinste Sündenpfuhl, gewirkt haben musste, zahlreiche Kräfte profitierten.

Dass dem päpstlichen Aufruf, die heilige Stadt zu „befreien“ schließlich Menschen aller Stände und aus ganz Europa folgen würden, hätte wohl kaum jemand geglaubt. Ob Papst Urban II. selbst ahnte, was er auslösen würde bleibt ein Geheimnis der Geschichte. Klar ist allerdings, dass seine Vorbereitungen ebenso akribisch waren, wie seine Propaganda perfide war. Der Ausruf „Gott will es!“, den Urban selbst wohl nie sagte, wurde zum Fanal der Kreuzzugsbewegung.

Urban II. hielt seine Kreuzzugspredigten, die eigentlich die reinste, von Hasstiraden durchzogene, Kriegshetze waren, in der Folgezeit noch viele Male. Es war sein Krieg, den der Pontifex in Reden, die weiter vom christlichen Gebot der Nächstenliebe kaum hätten entfernt sein können, propagierte. Seine Predigten schloss er dabei immer mit den Worten: „Jeder möge sich selbst verleugnen und sein Kreuz auf sich nehmen, auf das er Christus gewinne!“ Im Besonderen seinen Hetzpredigten ist es zu verdanken, dass über mindestens zwei Jahrhunderte hinweg in der europäischen Vorstellungswelt das christliche Kreuz untrennbar mit dem Schwert verbunden war.

Besonders perfide aber war die Suggestion Urbans, der Teilnahme am Kreuzzug käme die selbe Heilswirkung zu, wie einer Jerusalem-Wallfahrt. Zwar sprach er dabei im Gegensatz zu Papst Gregor, der den Reconquista-Kämpfern die Absolution versprochen hatte, nie von der totalen Sündenvergebung, jedoch hörte, wie so oft in der Geschichte jeder was er wollte. Urban dagegen verkündigte nur eine Tilgung der gebeichteten Sünden durch die Teilnahme am Kreuzzug. Was freilich die zungenfertigen Propagandisten, die seinen Aufruf durch Europa trugen, nicht davon abhielt, ihn möglichst verlockend umzuinterpretieren.

Schließlich hatten jedenfalls die Bemühungen des Papstes und seines Propagandaapparates durchschlagenden Erfolg: In ganz Europa nahmen Adlige, Bauern, Bettler, Abenteurer, Tagelöhner, Handwerker und Gesindel „das Kreuz“. Einige von ihnen sicher, um ihre Sünden vergeben zu bekommen, viele wohl auch in der Hoffnung, reiche Beute zu machen. „Kriegführen“ war im Mittelalter schließlich schon fast ein Synonym für „Plündern.“

Kapitel III: Der erste Kreuzzug, und seine Folgen.

Die klerikale Rechtfertigung für den ersten Feldzug im Namen des Christentums und die spätere Begründung einer christlichen Ritterschaft fand sich in den Schriften des Kirchenvaters Augustinus (†430), der zwar den Krieg grundsätzlich abgelehnt hatte, aber die Existenz eines „gerechten Krieges“ angenommen hatte. Ein solcher Krieg musste laut Augustinus vier zentrale Voraussetzungen erfüllen: Sie bedurften einer legitimen Autorität, die den Krieg erklärte, eines gerechten Grundes (etwa der Verteidigung des eigenen Landes oder die Rückgewinnung verlorenen Gutes) sowie eines angemessenen Vorgehens. Ein „gerechter Krieg“ konnte dem Kirchenvater zufolge des Weiteren nur erklärt werden, wenn friedliche Alternativen fehlten oder versagt hatten. Daneben ging Augustinus auch von Kriegen aus, die mit göttlicher Autorität geführt wurden und dementsprechend immer gerecht wären. Er nahm an, alle Kriege, gerechte wie ungerechte, sollten im Grunde der Herstellung des Friedens dienen, wenn auch unter unterschiedlichen Vorzeichen. Während die augustinische Lehre von gerechten Krieg lange kaum eine Rolle spielte, schlug schließlich in der Kreuzzugsepoche ihre Stunde.

Die augustinische Lehre und die Heilsversprechen der Kreuzzugspropagandisten im Rücken machten sich die Kreuzfahrer des ersten Kreuzzugs in drei Wellen zur Eroberung des heiligen Landes auf, wobei die erste Welle aus eher unorganisierten Scharen von Kämpfern aus allen Schichten bestand, die dem Aufruf fast unmittelbar folgten. Sie zogen durch den Donauraum und über den Balkan nach Byzanz, plünderten und bedrängten die Einwohner der Region, wurden aber letztlich durch die Seldschuken in Kleinasien völlig aufgerieben.

Ein anderes Kaliber stellte da schon die zweite Welle der Kreuzfahrer dar, die aus verschiedenen, von Fürsten und Rittern aus Frankreich, Flandern und Süditalien angeführten, deutlich professionelleren Kontingenten bestanden. Diese Kontingente erreichten Konstantinopel ab Ende 1096, konnten mit byzantinischer Hilfe die Seldschuken zweimal schlagen und trafen  im Oktober 1097 bei Antiochia ein. Sieben Monate Später war die Stadt eingenommen, allerdings machte sich das Heer aufgrund interner Konflikte erst Anfang 1099 wieder gen Süden auf, um schließlich am 15. Juli 1099, trotz häufiger Rückschläge, Jerusalem zu erobern. Infolge der Eroberung Jerusalems wurden vier unabhängige Kreuzfahrerstaaten gegründet: Das Königreich Jerusalem, die Grafschaften Tripolis und Edessa sowie das Fürstentum Antiochia.

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Die Krönung von König Balduin I. von Jerusalem. Darstellung aus „la histoire de l’outremer“ (13. Jahrhundert).

Weil die dritte Welle, die dem Aufruf Urbans II. gefolgt war, jedoch das Heilige Land nie erreichte, konnten die Territorien erst durch einen langwierigen Prozess stabilisiert werden. Das dritte Heer brach im Jahr 1100 auf wurde jedoch ein Jahr später von den Seldschuken vernichtend geschlagen und löste sich vollständig auf.

Obwohl die Kreuzfahrerstaaten in nicht unbeträchtlichem Ausmaß wirtschaftlich vom Westen abhängig waren, kam es dort doch zu einem gewissen Herrschafts- und Landesausbau. Nachdem der erste König von Jerusalem, Balduin I. schließlich zwischen 1100 und 1118 die Golanhöhen sowie einige transjordanische Gebiete eroberte und einen Friedensvertrag mit dem Emirat von Damaskus schloss, konnten die Kreuzfahrerstaaten ihre Ausdehnung bis ins Jahr 1144 beibehalten, dem Jahr, in dem die Grafschaft Edessa auch aufgrund interner Konflikte der Kreuzfahrerstaaten untereinander, durch Emir Zengi von Mossul erobert wurde. Dieses Ereignis führte sodann zum zweiten Kreuzzug.

Kapitel IV: Ritterschaft zum Schutz der Pilgerpfade.

Wenngleich es nach 1101 zunächst keine größeren Unternehmungen mehr gab, fanden sich doch immer wieder kleinere Gruppen von Kreuzfahrern und Pilgern, die das Heilige Land auf dem Seeweg erreichten und sich meist zuerst gen Jerusalem zum Besuch der heiligen Stätten wandten, in den Kreuzfahrerstaaten ein. Beim Unterfangen, die Pilgerstätten zu erreichen waren sie jedoch stets von Überfällen bedroht, immer wieder berichteten Pilger von der Unsicherheit der Reisen im Heiligen Land.

Zu einem besonders schweren Überfall kam es zu Ostern 1119, als eine große Gruppe von über 700 Pilgern zwischen Jerusalem und dem Jordantal angegriffen wurde. Sie waren unbewaffnet und durch Fasten und Reisestrapazen zusätzlich geschwächt. In einer abgelegenen Gegend geriet die Gruppe in einen Hinterhalt, wobei 300 Pilger getötet wurden und 60 in Gefangenschaft gerieten. Es war wohl solche Ereignisse, die zur Gründung des ersten christlichen Ritterordens, zunächst als Miliz zur Sicherung der Pilgerwege, führte.

Drei verschiedene Jahreszahlen nennen dabei die Chronisten für die Gründung der Miliz: 1118, 1119 und 1120. Bis heute ist ungewiss, welches Jahr das richtige ist, geht man jedoch davon aus, dass das „Ostermassaker“ den Anreiz zur Gründung der Miliz gab, so lässt sich das erstgenannte Jahr 1118 wohl ausschließen. Allerdings ist nicht vollständig gesichert, dass es dieses Ereignis war, dass zur Bildung der Ritterschaft führte.

Als gesichert gilt, dass sich im Heiligen Land neun französische Ritter um die Adligen Hugo de Payns und Geoffroi de Saint-Omer sammelten, die es sich auferlegten, auf den Pilgerpfaden für Sicherheit zu sorgen. Aufgrund ihrer kleinen Zahl wurden sie jedoch in den ersten Jahren kaum aktiv.

Diese Gemeinschaft von Rittern, die sich später Tempelritter nennen würden, vereinte erstmals die Gelöbnisse des Mönchstums mit den Idealen der Ritterschaft. Gleichsam waren sie die erste christliche Gemeinschaft, in deren Satzungen die Verteidigung von Pilgern mit Waffen erwähnt wurde. Zwar hatte sich in Jerusalem schon zuvor die Bruderschaft der Hospitaliter, der spätere Johanniterorden, gegründet, diese hatte jedoch zunächst keine kämpferischen Ambitionen, sondern kümmerte sich satzungsgemäß um Kranke und Verletzte, und stellte Pilgerherbergen zur Verfügung, als Schutztruppe für Reisende sah sie sich zunächst nicht.

Die Miliz um Hugo de Payns und Geoffroi de Saint-Omer nannte sich zunächst „Arme Ritterschaft Christi“, änderte ihren Namen jedoch in „Arme Ritterschaft Christi vom salomonischen Tempel“, nachdem sie vom zweiten König Jerusalems, Balduin II. Gemächer in der Al-Aqsa-Moschee, die dem König damals als Palast diente, und von der die Christen (fälschlicherweise) glaubten, sie stünde dort, wo einst der Tempel des biblischen König Salomon gestanden hatte.

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Balduin II. übergibt seinen Palast, die Al-Aqsa-Moschee an Hugo de Payns und Geoffroi de Saint-Omer. Darstellung aus dem 13. Jahrhundert. Die vierte Person ist Warmund, der Patriarch von Jerusalem.

Zwar scheint die Gemeinschaft, wohl auch mittels adliger Familienbande, früh zu einer gewissen Prominenz und Vermögen gekommen zu sein, als Orden jedoch durften sich die Ritter zunächst nicht bezeichnen. Dazu bedurfte es der Anerkennung durch die Kirche, weshalb König Balduin II., der schnell zum wichtigsten Gönner der Bruderschaft avancierte, sich mit dem einflussreichsten Kirchenvertreter seiner Zeit in Verbindung setzte, der nicht der damalige Papst Honorius III., sondern der reformistische Zisterzienserabt Bernhard de Clairvaux, war.

In einem Brief an den Abt schreibt König Balduin II. folgendes:

„Die Tempelbrüder, die Gott berufen hat zur Verteidigung Unseres Landes und denen er besonderen Schutz gewährt hat, wünschen apostolische Approbation und ihre eigenen Ordensregeln zu erhalten […] Die Ordensregel der Templer möge so sein. dass sie für Männer passend ist, die in den Wirren des Krieges leben, und doch auch wiederum so, dass sie für die christlichen Fürsten, die für den Orden wertvolle Verbündete sind, annehmbar ist. Soweit es an Dir liegt, und soweit es Gott gefällt, führe diese Sache zu einem schnellen und glücklichen Ausgang.“ – Balduin II. an Bernhard von Clairvaux.

Da eine christliche Streitmacht gut in seine christlichen Reformbestrebungen passte, aber wohl auch weil er Hugo de Payns, der wie Bernhard aus der Champagne stammte, persönlich kannte, machte der einflussreiche Abt die Bestrebungen Balduins II., den Templern den Status (und die damit einhergehenden Privilegien) eines christlichen Ordens zu verschaffen, zu seiner eigenen Sache. Im Vertrauen auf die Unterstützung des Reformers reisten deshalb Ende 1127 Hugo de Payns und Gottfried de Saint-Omer in die Champagne.

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Al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg. Erbaut im 8. Jahrhundert, diente die Moschee zwischenzeitlich den Königen von Jerusalem als Palast und den Tempelrittern als Hauptquartier.

Lesen Sie ab dem kommenden Donnerstag, den 14. Juli 2016 den zweiten Teil der Serie „Milites Templi“ mit dem Titel „Wie die Templer zum Orden wurden“.

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